Update 17.09.2026

Innere Medizin

1. Natriumhydrogencarbonat bei metabolischer Azidose und Schock (SODa-BIC)

Kritisch Kranke mit metabolischer Azidose und Schock bekommen oft Bicarbonat, obwohl der Nutzen umstritten war. SODa-BIC prüft genau diese Praxis randomisiert. Für die Intensiv- und internistische Intensivmedizin ist das relevant, weil die Azidosekorrektur Katecholaminbedarf und Nierenersatz beeinflusst – und weil Bicarbonat Nebenwirkungen hat (Natriumlast, CO2-Anstieg).

Ergebnis: Bei 500 Patientinnen und Patienten in 55 Intensivstationen in sieben Ländern senkte Natriumhydrogencarbonat das Risiko schwerer Nierenereignisse innerhalb von 30 Tagen nicht (MAKE-30: 40,2 % unter Bicarbonat vs. 39,4 % unter Placebo). Nierenersatztherapie innerhalb von 30 Tagen: 16,8 % vs. 20,9 %. Krankenhaussterblichkeit bis Tag 30: 25,4 % vs. 24,0 %. Bicarbonat ist damit in diesem Setting keine Maßnahme, die harte Outcomes nachweislich verbessert.

Quelle: NEJM, 17. September 2026, Vol. 395, S. 1062–1074.
https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2600526
Editorial: https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMe2610218

2. Antibiotikadauer bei orthopädischer Infektion

Lange intravenöse oder orale Gaben nach Gelenk- oder Osteomyelitis-Therapie sind Alltag, aber oft empirisch. Eine randomisierte Prüfung „kurz versus lang“ zielt auf weniger Resistenz, weniger Nebenwirkungen und kürzere Liegezeiten, ohne Rezidive zu erhöhen. Ebenfalls in der NEJM-Ausgabe vom 17. September 2026.

Quelle: https://www.nejm.org/

3. Schwangerenernährung und Allergie beim Kind (PrEggNut)

Die Studie testet eine mütterliche Ernährung reich an Ei und Erdnuss, um die Allergierate beim Säugling zu senken. Das berührt Prävention, Immunologie und hausärztliche Beratung in der Schwangerschaft: Exposition statt strikter Meidung.

Ergebnis laut Abstract: Bei Säuglingen mit familiärer Allergieneigung führte eine ei- und erdnussreiche Kost der Mutter in Schwangerschaft und Stillzeit nicht zu einem niedrigeren Risiko für Ei- oder Erdnussallergie mit einem Jahr im Vergleich zur Standardkost.

Quelle: NEJM 2026;395:1090–1099.
https://www.nejm.org/

4. Koloskopie nach Hochrisiko-Adenom: 5 statt 3 Jahre? (EPoS II)

Nach Entfernung von Hochrisiko-Adenomen stand bisher oft die erste Kontrolle nach drei Jahren. Hochrisiko war definiert als mindestens ein Adenom ≥10 mm, hochgradige Dysplasie oder villöses Wachstum beziehungsweise 3 bis 10 Adenome jeglicher Art.

Die geplante Zwischenanalyse einer randomisierten Nichtunterlegenheitsstudie in acht europäischen Ländern (10.799 randomisierte Patientinnen und Patienten) zeigt: Die erste Überwachungskoloskopie nach fünf Jahren ist der Kontrolle nach drei Jahren hinsichtlich inzidentem kolorektalem Karzinom nicht unterlegen. Die 5-Jahres-Inzidenz lag bei 0,77 % (5-Jahres-Arm) versus 0,82 % (3-Jahres-Arm). Das Tumorstadium unterschied sich nicht wesentlich. An Darmkrebs starben 3 Patientinnen und Patienten (0,06 %) im 5-Jahres-Arm und 2 (0,04 %) im 3-Jahres-Arm.

Das entlastet Kapazitäten, reduziert Komplikationen der Wiederholungskoloskopie und ändert Nachsorgegespräche. Es bleibt eine Interimsanalyse einer auf zehn Jahre angelegten Studie – endgültige Langzeitdaten stehen noch aus.

Quelle: NEJM 2026;395:1051–1061.
https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2603816

Dazu in derselben Ausgabe ein Clinical-Decisions-Stück: Erstscreening mit 46 Jahren – Koloskopie versus Stuhltest.
https://www.nejm.org/browse/topic/hematology-oncology-general

Onkologie

5. Blinatumomab statt Chemotherapie bei Kindern mit Hochrisiko-B-ALL

AIEOP-BFM ALL 2017 prüfte, ob zwei Zyklen Blinatumomab (CD19-Bispezifikum, T-Zell-Engager) zwei Zyklen konventioneller, hochtoxischer Chemotherapie ersetzen können – bei neu diagnostizierter Hochrisiko-B-Zell-ALL im Kindesalter.

Ergebnis der geplanten Zwischenanalyse (medianes Follow-up 2,9 Jahre): geschätztes 4-Jahres-ereignisfreies Überleben 83,0 % versus 70,3 % (Hazard Ratio 0,51; 95 %-KI 0,35–0,73). Behandlungsbezogene Infektionen: 23,9 % unter Blinatumomab versus 69,4 % unter Chemotherapie. Zytokinfreisetzungssyndrom Grad 2 oder höher nur bei 1,1 %.

Das Editorial nennt Blinatumomab einen neuen Standard in diesem Setting: weniger toxische Intensivierung bei besserer Krankheitskontrolle. Für die Erwachsenen-Hämatologie ist das relevant als Beleg, dass Immuntherapie Chemotherapieanteile ersetzen kann, nicht nur ergänzen.

Artikel: https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2604166
Editorial: https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMe2610500
NEJM 2026;395:1075–1089 und Editorial 395:1127–1129.

6. Ösophaguskarzinom – Übersichtsarbeit

Ösophaguskarzinome gehören zu den führenden krebsbedingten Todesursachen weltweit (rund 500.000 Todesfälle pro Jahr). Das 5-Jahres-Überleben hat sich verbessert, übersteigt aber selten 20 %. Der Review trennt Adenokarzinom und Plattenepithelkarzinom nach Risikofaktoren (Reflux/Barrett versus Alkohol/Tabak), Screening und multimodaler Therapie. Nützlich als aktueller Standardtext, nicht als einzelne Trial-News.

Quelle: NEJM 2026;395:1100–1111.
https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMra2516631

7. CELESTIMO: Mosunetuzumab plus Lenalidomid beim follikulären Lymphom

Phase 3, Zwischenanalyse: Lunsumio (Mosunetuzumab, CD20×CD3) plus Lenalidomid gegen Rituximab plus Lenalidomid bei rezidiviertem oder refraktärem follikulärem Lymphom nach mindestens einer Vortherapie. Das progressionsfreie Überleben war signifikant besser, die Sicherheit ohne neue Signale, das Regime ist als ambulante Zweierkombination angelegt. Das Gesamtüberleben ist noch unreif.

Die Studie soll zugleich die beschleunigte Monotherapie-Zulassung von Lunsumio in späteren Linien in eine volle Zulassung überführen und die Zweitlinie öffnen.

https://www.onclive.com/news
https://finance.yahoo.com/healthcare/articles/genentech-lunsumio-based-regimen-significantly-050000172.html

8. MAVERICK (SWOG S1827): kein PCI, nur MRT beim kleinzelligen Lungenkarzinom

Prophylaktische Ganzhirnbestrahlung senkt Hirnmetastasen, kostet aber Kognition. Die Phase-3-Studie verglich alleinige MRT-Überwachung mit PCI plus MRT. Das kognitionsbezogene Überleben war besser ohne PCI. Das stützt den Trend, PCI nicht mehr routinemäßig zu geben, wenn ein engmaschiges MRT verfügbar ist.

Quelle: https://www.targetedonc.com/news

9. Taletrectinib: längere Ansprechdauer auf dem Label

Keine neue Indikation. Die FDA nimmt in die Fachinformation eine mediane Ansprechdauer von 49,7 Monaten bei TKI-naivem ROS1-positivem nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom auf (TRUST-I, Follow-up etwa 51 Monate). Das ist praxisrelevant für die Reihenfolge der ROS1-Tyrosinkinasehemmer (Taletrectinib, Repotrectinib, Zidesamtinib und andere).

Quelle: https://www.targetedonc.com/view/fda-approves-snda-taletrectinib-updated-dor-ros1-nsclc

10. JAMA Oncology, 17. September 2026

PDS0101 plus Pembrolizumab bei HPV16-positivem rezidiviertem oder metastasiertem Kopf-Hals-Karzinom (Phase 2, nicht randomisiert): antigenspezifische Immuntherapie plus Checkpoint-Blockade.
https://doi.org/10.1001/jamaoncol.2026.3492

Checkpoint-Inhibitoren bei PD-L1-CPS unter 1 im Kopf-Hals-Plattenepithelkarzinom: Bayes-Metaanalyse zur Frage, ob Immuncheckpoint-Inhibitoren in dieser Gruppe nützen oder schaden.
https://doi.org/10.1001/jamaoncol.2026.3626

MRT vor Prostatabiopsie: Nutzungstrends – relevant für Überdiagnose und gezielte Biopsie.
https://doi.org/10.1001/jamaoncol.2026.3620

Übersicht neuer Beiträge:
https://jamanetwork.com/journals/jamaoncology/newonline

Zusätzlich in der September-Ausgabe: herzschonende versus konventionelle Bestrahlung der linken Brust und kardiale Spätereignisse; methylierte SEPT9 im Blut zur HCC-Detektion bei Zirrhose.
https://jamanetwork.com/journals/jamaoncology/currentissue

11. Cisplatin oder Carboplatin? (Umbrella-Metaanalyse)

JAMA Network Open, 17. September 2026: Die Arbeit bündelt Metaanalysen zu Wirksamkeit und Toxizität bei soliden Tumoren. Sie hilft bei der Abwägung Nieren- und Ototoxizität (Cisplatin) versus oft praktikableres Carboplatin.

Quelle: https://jamanetwork.com/journals/jamanetworkopen/currentissue

12. Weitere Onkologie dieser Tage

Trastuzumab-Botidotin versus T-DM1 bei vorbehandeltem HER2-positivem Mammakarzinom: besseres progressionsfreies Überleben und Ansprechen, okuläre Toxizität im Blick.
https://www.targetedonc.com/news

CHMP: Erweiterung von Melflufen auf die Drittlinie beim Lenalidomid-refraktären Myelom.
https://www.onclive.com/news

ESMO: AEGEAN – perioperatives Durvalumab beim resektablen NSCLC der Stadien IIA bis IIIB; MATTERHORN – perioperatives Durvalumab plus FLOT verbessert das Gesamtüberleben beim resektablen Magen- und AEG-Adenokarzinom.
https://www.esmo.org/newsroom/oncology-news

UCLA / Cancer Discovery: Ein Typ-II-RAF-Inhibitor plus MEK-Inhibitor hält den MAPK-Signalweg bei BRAF-, RAS- und NF1-mutierten Tumoren fest – noch präklinisch.
https://www.uclahealth.org/news/release/new-combination-therapy-could-help-fight-difficult-to-treat-cancers-with-common-mutations

Tambotatug Pelitecan beim kleinzelligen Lungenkarzinom nach Platintherapie:
https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2610229

Zentrale Journal-Startseite dieser Woche: https://www.nejm.org/

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