Innere Medizin
1. Septischer Schock: frühe Vasopressoren ohne Gewinn
ARISE FLUIDS, NEJM 8. Oktober: bei Erwachsenen mit septischem Schock brachte die Strategie „restriktive Flüssigkeit plus früher Vasopressor“ nicht mehr Tage lebend und außerhalb des Krankenhauses bis Tag 90 als „liberale Flüssigkeit plus späterer Vasopressor“. NEJM 2026;395:1387–1398. Einordnung: Die Stunde der Kristalloide bleibt, aber das Dogma „so wenig Volumen wie möglich, so früh Katecholamine wie möglich“ hat hier keinen harten Endpunkt gewonnen. Überwässerung und Vasopressor-Last schaden beide. Der individuelle Schock (kardiogen, distributiv, hämorrhagisch) und die Laktatdynamik steuern weiter, nicht ein Protokoll allein. SAVE-O2 in derselben JAMA-Intern-Med-Ausgabe zeigt, dass autonome Sauerstofftitration die Zeit in der Normoxämie verlängert — relevant, weil Hyperoxie nach der Stabilisierung nichts bringt.
2. Multi-Krebs-Bluttest senkt späte Stadien nicht
Dieselbe NEJM-Ausgabe: ein blutbasierter Multi-Cancer-Early-Detection-Test zusätzlich zur üblichen Vorsorge änderte die Inzidenz von Stadium III/IV nach drei Screening-Runden nicht signifikant gegenüber Usual Care. NEJM 2026;395:1374–1386. Parallel Medscape: Glucosamin mit höherem Progress und Mortalität bei Demenz verknüpft; hypertensive Schwangerschaftserkrankungen mit späterem Demenzrisiko. Einordnung: Ein negativer MCED-Endpunkt ist kein Freibrief gegen Darmspiegelung, Mammografie und FIT. Der Test erzeugt Befunde, deren Abklärung Schaden anrichten kann, ohne das Stadium zu verschieben. Glucosamin ist kein Demenzschutz; wer es gegen Arthrose nimmt, sollte den Progress im Blick behalten. Schwangerschaftshypertonie gehört in die Langzeitakte, nicht nur in die Geburtsdokumentation.
Onkologie
3. Adjuvantes Atezolizumab beim Stadium-III-dMMR-Kolonkarzinom
FDA 8./9. Oktober: Atezolizumab (auch subkutan) plus Fluoropyrimidin und Oxaliplatin adjuvant nach R0 bei Stadium-III-Kolonkarzinom mit defizienter Mismatch-Repair. ATOMIC, Phase 3, 712 Erwachsene: Risiko für Rezidiv oder Tod halbiert (HR 0,50; 0,35–0,73). 36-Monats-DFS 86,3 % versus 76,2 %. Grad 3–4: 84 % versus 72 %. Roche / NEJM 2026;394:1155–1166. Einordnung: Das ist die erste adjuvante Immuntherapie mit belegtem Nutzen in dieser Biologie. dMMR muss vor der Entscheidung immunhistochemisch stehen, nicht erst im Rezidiv. Die Toxizität der Kombination ist real; wer die sechs Monate FOLFOX schon schlecht verträgt, gewinnt durch PD-L1-Blockade nicht automatisch. Europäische Zulassung steht aus. MSI-high und dMMR sind hier dasselbe therapeutische Tor.
4. Tucatinib in der Erhaltung beim HER2-positiven Mammakarzinom
FDA 7. Oktober: Tucatinib plus Trastuzumab und Pertuzumab als Erhaltung nach Induktion beim nicht resezierbaren lokal fortgeschrittenen oder metastasierten HER2-positiven Mammakarzinom. FDA. Einordnung: Nach CLEOPATRA-Induktion war die Erhaltung bisher Trastuzumab/Pertuzumab. Tucatinib (oraler HER2-TKI mit ZNS-Aktivität) kommt dazu. Diarrhö, Hand-Fuß-Syndrom und Leberwerte sind der Preis. Die Indikation setzt eine erfolgreiche Induktion voraus, kein Start in der Erstlinie ohne Taxan. In Europa die EMA-Linie abwarten, bevor das Schema die Praxis erreicht.
5. Lebensstil und 27 Krebsarten, Wien ab morgen
DKFZ, UK Biobank, 287.745 Personen, 11,5 Jahre, 12.947 Krebsdiagnosen: hoher Lebensstil-Score (Bewegung plus vier weitere Faktoren) versus niedrig senkte das Risiko um 29 %. Signifikant bei 13 von 27 Arten, darunter Lunge, Darm, Magen, Leber, Pankreas, Niere, Blase und postmenopausales Mammakarzinom. Br J Cancer, 7.10.. Die DGHO-Jahrestagung läuft 9.–12. Oktober in Wien; über 800 Beiträge. DGHO. Einordnung: 29 % ist populationsattributiv und beobachtet. Rauchen, Bewegung und Gewicht bleiben die größten Hebel, auch für „seltene“ Tumoren. Die Tagung in Wien wird RASolute und die neuen Adjuvanz-Daten diskutieren — Praxisänderung erst nach Leitlinie und Zulassung, nicht nach dem Abstract.
