Testosteron und Anabolika
1. Anabolika und langfristige Herzschäden bei Kraftsportlern: 10-Jahres-Daten
Eine prospektive Langzeitstudie verfolgte männliche Kraftsportler über nahezu 10 Jahre und untersuchte die Auswirkungen von anabol-androgenen Steroiden (AAS) auf die Herzfunktion. Männer, die AAS fortsetzten, zeigten eine anhaltende Verdickung der linksventrikulären Wand, eingeschränkte Kontraktilität und eine verschlechterte diastolische Funktion. Bei 17 % der fortgesetzten Nutzer lag eine schwer reduzierte Pumpfunktion vor. Bei den 15 Männern, die AAS absetzten, reduzierte sich der linksventrikuläre Massenindex (LVMI) von 112 g/m² auf 91 g/m² (Rückgang um 19 %) und erreichte damit das Niveau der Kontrollgruppe ohne AAS-Nutzung. European Heart Journal Cardiovascular Imaging / Zusammenfassung. Einordnung: Die Daten bestätigen, dass selbst niedrigere AAS-Dosen über Jahre zu strukturellen und funktionellen Herzveränderungen führen. Die teilweise Reversibilität nach Absetzen ist klinisch relevant und unterstreicht den Nutzen eines möglichst frühen Absetzens. In der Praxis sollten Patienten mit AAS-Anamnese regelmäßige echokardiographische Kontrollen erhalten. Die Ergebnisse stützen die Warnung vor dem Missbrauch von Anabolika im Kraftsport und die Notwendigkeit einer langfristigen kardiologischen Nachsorge.
2. TRAVERSE und Label-Anpassungen bei Testosteron-Ersatztherapie
Die TRAVERSE-Studie (n = 5246) zeigte die Nichtunterlegenheit von transdermalem Testosteron gegenüber Placebo hinsichtlich schwerer kardiovaskulärer Ereignisse (MACE: 7,0 % vs. 7,3 %; HR 0,96; 95 %-KI 0,78–1,17). Auf Basis dieser Daten hat die FDA den Black-Box-Warnhinweis entfernt. Das HHS fordert nun klassenweite Label-Anpassungen, darunter die Aufhebung der Einschränkung bei altersbedingtem Hypogonadismus und die Beschränkung der Prostatakarzinom-Warnung auf metastasierte Erkrankungen. Urology Times / HHS. Einordnung: Die Label-Änderungen erleichtern die Indikationsstellung bei symptomatischem Hypogonadismus älterer Männer. Die TRAVERSE-Daten reduzieren die Sorge vor einem erhöhten MACE-Risiko bei geeigneter Patientenauswahl. Höhere Raten von Lungenembolie, Vorhofflimmern und akuter Niereninsuffizienz in der Testosteron-Gruppe erfordern weiterhin sorgfältige Überwachung. In der Praxis kann TRT bei klar dokumentiertem Hypogonadismus und entsprechenden Symptomen mit größerer Sicherheit eingesetzt werden; die individuelle Risiko-Nutzen-Abwägung bleibt unverzichtbar.
3. Testosteron-Recovery nach Androgendeprivation in der EMBARK-Studie
Eine Post-hoc-Analyse der Phase-3-Studie EMBARK zeigte, dass die meisten Männer nach Suspension der Androgendeprivation (Enzalutamid plus Leuprolid oder Placebo plus Leuprolid) ihre Testosteronspiegel wiedererlangten. Die mediane Zeit bis zur Recovery (>175 ng/dL) lag bei 8,3 Monaten (Enzalutamid-Arm) versus 5,9 Monaten (Placebo-Arm). Über 80 % erreichten eine volle Recovery, nahezu alle zumindest eine partielle. Ältere Patienten benötigten länger. Urology Times / EMBARK. Einordnung: Die Daten bestätigen, dass die Testosteronproduktion nach zeitlich begrenzter ADT in der Regel wieder einsetzt. Die etwas längere Recovery unter Enzalutamid ist zu erwarten und klinisch meist akzeptabel. In der Praxis unterstützt dies Strategien der intermittierenden oder zeitlich begrenzten Androgendeprivation, sofern onkologisch vertretbar. Patienten sollten über die variable Recovery-Zeit aufgeklärt werden, insbesondere bei höherem Alter.
4. TRT nach radikaler Prostatektomie: SPIRIT-Studie
Die randomisierte, placebokontrollierte SPIRIT-Studie untersuchte TRT bei Männern mit Hypogonadismus nach radikaler Prostatektomie bei Low-Grade-Prostatakarzinom und undetektierbarem PSA. TRT verbesserte signifikant die sexuelle Aktivität (Differenz 0,91 tägliche Ereignisse; p < 0,001), das sexuelle Verlangen, die Körperzusammensetzung und die körperliche Funktion. Es trat kein biochemisches Rezidiv auf. JAMA Internal Medicine / SPIRIT. Einordnung: Die Daten unterstützen die Sicherheit und den Nutzen von TRT bei sorgfältig ausgewählten Männern nach Prostatektomie mit stabilem, undetektierbarem PSA. Die Verbesserung der sexuellen und körperlichen Funktion ist klinisch relevant. In der Praxis kann TRT bei entsprechendem Hypogonadismus und nach interdisziplinärer Abstimmung erwogen werden; eine engmaschige PSA-Überwachung bleibt erforderlich. Die Ergebnisse relativieren die frühere pauschale Kontraindikation bei Prostatakarzinom-Anamnese.
5. Praktische Einordnung
Die aktuellen Daten differenzieren klar zwischen therapeutischem Testosteronersatz bei dokumentiertem Hypogonadismus und dem Missbrauch von Anabolika. TRAVERSE und Label-Anpassungen stärken die Sicherheit von TRT, während Langzeitstudien die kardialen Risiken von AAS unterstreichen und eine partielle Reversibilität nach Absetzen zeigen. Einordnung: In der Praxis sollte TRT nur bei klarer Indikation, dokumentiertem Mangel und engmaschiger Überwachung eingesetzt werden. Bei AAS-Missbrauch steht die Aufklärung über kardiale Langzeitfolgen und der Nutzen des Absetzens im Vordergrund. Die Recovery-Daten nach ADT und die SPIRIT-Ergebnisse erweitern die Optionen in der urologischen Onkologie. Eine differenzierte Patientenauswahl und interdisziplinäre Abstimmung bleiben entscheidend.
