Innere Medizin
1. Continuous Glucose Monitoring bei nicht-insulinbehandeltem Typ-2-Diabetes
In einer randomisierten Studie an 22 US-amerikanischen Primärversorgungs-Praxen (NEJM, 14. Oktober 2026) wurden Erwachsene mit Typ-2-Diabetes ohne Insulintherapie entweder kontinuierlichem Glukosemonitoring (CGM) oder Routineversorgung zugeordnet. Nach 26 Wochen sank der HbA1c in der CGM-Gruppe von 8,8 % auf 7,2 %, in der Kontrollgruppe von 8,7 % auf 8,0 % (adjustierte Differenz –0,9 Prozentpunkte, 95 %-KI –1,1 bis –0,6; p < 0,001). Die Zeit im Zielbereich (70–180 mg/dl) lag mit CGM um 21 Prozentpunkte höher. Die Zeit unter 54 mg/dl und unter 70 mg/dl war nicht schlechter und numerisch sogar etwas besser; schwere Hypoglykämien traten nicht auf. NEJM 2026. Einordnung: Die Daten stützen den Einsatz von CGM auch außerhalb der Insulintherapie, wenn der HbA1c deutlich über dem Ziel liegt und eine engmaschigere Rückmeldung den Therapiealltag verbessern kann. Der absolute HbA1c-Gewinn ist klinisch relevant und ging nicht mit mehr Hypoglykämien einher. In der Praxis bleibt die Frage der Kostenübernahme und der Patientenselektion (Motivation, Technikaffinität) entscheidend. Bei Patienten, die bereits mehrere orale oder GLP-1-basierte Therapien erhalten und trotzdem nicht im Ziel sind, kann CGM ein zusätzliches Werkzeug sein, bevor man zur Insulintherapie eskaliert. Die Studie war primärversorgungsbasiert; die Übertragbarkeit auf spezialisierte Settings ist wahrscheinlich gut.
Onkologie
2. Ponatinib plus Blinatumomab bei Ph-positiver ALL – chemotherapiefreie Erstlinie
Die Phase-3-Studie GIMEMA ALL2820 (NEJM) randomisierte 236 Erwachsene mit neu diagnostizierter Ph-positiver ALL zu Ponatinib plus Blinatumomab oder Imatinib plus Chemotherapie (2:1). Nach median 23,7 Monaten Nachbeobachtung lag das ereignisfreie Überleben nach 24 Monaten bei 86 % versus 67 % (p < 0,001). Das molekulare ereignisfreie Überleben betrug 68 % versus 42 %. Die komplette hämatologische Remission nach Induktion lag bei 94 % versus 79 %, die molekulare Response nach Blinatumomab-Konsolidierung bei 71 % versus 49 %. Die kumulative Relapsrate war 5 % versus 13 %. Nur 19 % der Patienten im Interventionsarm erhielten nach erster CR eine allogene Transplantation. NEJM 2026;395:1483-1494. Einordnung: Die Daten markieren einen klaren Schritt in Richtung chemotherapiefreier Erstlinientherapie bei Ph-positiver ALL. Die hohe Rate tiefer molekularer Remissionen und die niedrige Transplantationsrate sprechen dafür, dass bei vielen Patienten eine intensive Chemotherapie und eine frühzeitige Transplantation vermieden werden können. In Fachkreisen wird der Ansatz als Beginn einer „chemotherapy-free era“ in der Hämatologie diskutiert. Praktisch relevant sind die Verfügbarkeit von Blinatumomab, die Erfahrung mit der Kombination und die Langzeitbeobachtung bezüglich Resistenz und Spättoxizität. Für geeignete Patienten sollte die Strategie in interdisziplinären Boards früh erwogen werden.
3. Zanzalintinib plus Atezolizumab bei MSS-metastasiertem Kolorektalkarzinom
In der Phase-3-Studie STELLAR-303 (901 Patienten, Lancet / ESMO) verbesserte die Kombination aus Zanzalintinib und Atezolizumab das mediane Gesamtüberleben gegenüber Regorafenib von 9,4 auf 10,9 Monate (HR 0,80; p = 0,0045). Nach zwei Jahren lebten noch etwa 20 % versus 10 %. Der Benefit zeigte sich auch bei Patienten mit Lebermetastasen. Es handelt sich um den ersten Überlebensvorteil einer Immuntherapie-basierten Strategie bei der großen Mehrheit der Patienten mit metastasiertem Kolorektalkarzinom, die microsatellite-stable sind. Die FDA hat die Review-Frist für die Zulassung aufgrund zusätzlicher Daten verlängert. UCLA / Lancet. Einordnung: Der absolute Gewinn ist moderat, aber in der refraktären Situation klinisch relevant und der erste klare OS-Vorteil einer Immuntherapie bei MSS-mCRC. Die Kombination wird als potenzieller neuer Standard in der Zweit- und Drittlinie diskutiert, besonders weil sie auch bei Lebermetastasen wirkt – einer Subgruppe, die bisher schlecht auf Checkpoint-Inhibitoren anspricht. Toxizität und die genaue Positionierung in der Sequenz werden die Praxis bestimmen. Die verlängerte FDA-Review zeigt, dass noch Sicherheits- und Wirksamkeitsfragen geklärt werden.
4. Zelluläre Nachbarschaften im Melanom sagen Ansprechen auf Kombinationstherapie voraus
Eine UCLA-geführte Analyse (Cancer Discovery) von Biopsien aus der SWOG-S1616-Studie untersuchte Patienten mit Melanom, die nach Anti-PD-1-Versagen entweder Ipilimumab plus Nivolumab oder Ipilimumab allein erhielten. Tumorgenetik allein erklärte das Ansprechen nicht. Entscheidend war die räumliche Organisation der Immunzellen: Patienten, bei denen CD8-T-Zellen eng um die Melanomzellen clusterten und aktive Netzwerke bildeten, profitierten eher von der Kombination. Dichte Cluster von Plasmazellen waren dagegen mit schlechtem Ansprechen assoziiert. UCLA Health / Cancer Discovery. Einordnung: Die räumliche Immunarchitektur gewinnt als Biomarker an Bedeutung, jenseits reiner PD-L1- oder Mutationslast-Messungen. Für die Praxis bedeutet das, dass bei Progress unter Anti-PD-1 eine gezielte Kombinationstherapie eher bei Patienten mit günstiger T-Zell-Infiltration sinnvoll ist. Die Daten stützen die Idee, dass nicht nur die Anwesenheit, sondern die Organisation der Immunzellen das Ansprechen bestimmt. Weitere Validierung und standardisierte Methoden sind nötig, bevor solche Analysen die Therapieentscheidung steuern. Der Befund passt zu der breiteren Diskussion, wie man Non-Responder auf Immuntherapie besser stratifizieren und umlenken kann.
