Innere Medizin
1. Ravulizumab und Povetacicept bei IgA-Nephropathie: Zwei neue Phase-3-Interimanalysen
In der Phase-3-Studie I CAN reduzierte Ravulizumab (C5-Inhibitor) die 24-Stunden-Proteinurie nach 34 Wochen um 46,6 % versus 5,6 % unter Placebo (adjustierte Differenz 43,4 %; 99 %-KI 30,1–54,2; p < 0,001). Die FDA hat daraufhin die beschleunigte Zulassung zur Proteinuriereduktion erteilt. Parallel zeigte die Phase-3-Studie RAINIER mit Povetacicept (dualer BAFF/APRIL-Inhibitor) nach 36 Wochen eine Proteinuriereduktion von 52 % versus 4,3 % unter Placebo (Differenz –49,8 Prozentpunkte; p < 0,001). Zusätzlich sank Gd-IgA1 um 77,4 % und Hämaturie remittierte bei 85 % versus 23 %. NEJM / I CAN und NEJM / RAINIER. Einordnung: Beide Substanzen adressieren pathogenetisch unterschiedliche Wege der IgA-Nephropathie und liefern starke Proteinurie-Daten. Die beschleunigte Zulassung von Ravulizumab basiert auf dem Surrogat Proteinurie; die endgültige Bewertung hängt von den eGFR-Daten nach 106 Wochen ab. Povetacicept zeigt zusätzlich eine rasche Reduktion des pathogenen Gd-IgA1. In der Praxis erweitern die Ergebnisse das therapeutische Arsenal bei progressiver IgA-Nephropathie unter optimierter Supportivtherapie (inkl. SGLT2-Inhibitoren). Die Langzeitdaten zur Nierenfunktionserhaltung bleiben entscheidend.
2. Endovaskuläre Therapie bei leichtem Schlaganfall mit Large-Vessel-Occlusion
Die chinesische Phase-3-Studie MILD-MT randomisierte Patienten mit leichtem akutem ischämischem Schlaganfall (NIHSS < 6) und Large-Vessel-Occlusion plus relevantem Perfusion-Mismatch. Endovaskuläre Therapie plus medikamentöse Behandlung erzielte nach 90 Tagen bei 69,4 % einen exzellenten Outcome (mRS 0–1) versus 50,0 % unter alleiniger medikamentöser Therapie (OR 2,32; 95 %-KI 1,41–3,81; p < 0,001). Symptomatische intrakranielle Blutungen traten in beiden Armen gleich häufig auf; schwere prozedurale Komplikationen lagen bei 13,2 %. NEJM / MILD-MT. Einordnung: Die Daten unterstützen eine Erweiterung der Indikation für die Thrombektomie auch bei klinisch milden Defiziten, sofern ein relevantes Perfusionsmismatch vorliegt. Der absolute Gewinn von knapp 20 Prozentpunkten beim exzellenten Outcome ist klinisch relevant. Die erhöhte Rate prozeduraler Komplikationen erfordert eine sorgfältige Zentrumsauswahl und Aufklärung. In der Praxis kann bei geeigneten Patienten mit LVO und milden Symptomen die endovaskuläre Therapie erwogen werden; die Ergebnisse sind bisher auf asiatische Populationen beschränkt.
3. Thrombektomie im späten Zeitfenster (24–72 Stunden)
Eine weitere chinesische Phase-3-Studie untersuchte die mechanische Thrombektomie bei Patienten mit Large-Vessel-Occlusion der anterioren Zirkulation und bildgebend nachgewiesenem salvablem Gewebe im Zeitfenster von 24 bis 72 Stunden. Die endovaskuläre Therapie führte zu einer günstigeren Verteilung der mRS-Scores nach 90 Tagen (common OR 1,74; 95 %-KI 1,19–2,55). Symptomatische intrakranielle Blutungen traten bei 4,8 % versus 0 % auf, die 90-Tages-Letalität lag bei 6,0 % versus 1,8 %. NEJM. Einordnung: Die Ergebnisse erweitern das potenzielle Zeitfenster für die Thrombektomie deutlich, wenn salvables Gewebe nachweisbar ist. Der funktionelle Benefit geht mit einem erhöhten Blutungs- und Sterberisiko einher. In der Praxis bleibt die Bildgebung entscheidend für die Selektion; eine unselektive Anwendung im späten Fenster ist nicht gerechtfertigt. Die Daten unterstreichen die Bedeutung spezialisierter Stroke-Netzwerke und schneller Bildgebung auch bei verzögerter Vorstellung.
Onkologie
4. Aktuelle Onkologie-Lage nach ESMO
Die präsidialen und weiteren ESMO-2026-Daten haben mehrere Überlebensvorteile etabliert (personalisierte mRNA-Vakzine beim Melanom, Tarlatamab-Erhaltung beim ES-SCLC, perioperatives EV plus Durvalumab beim MIBC, CLDN18.2-ADCs beim Magenkarzinom). Parallel publizierte NEJM- und Lancet-Arbeiten bestätigen diese Ergebnisse. Neue Phase-3-Signale außerhalb des ESMO-Kernprogramms bleiben in den letzten Tagen begrenzt. Einordnung: Die wissenschaftliche Aufmerksamkeit liegt weiterhin bei der Umsetzung der ESMO-Ergebnisse in die Praxis (Zulassung, Verfügbarkeit, Toxizitätsmanagement und Sequenzierung). Für die Innere Medizin und Onkologie bedeutet das vor allem die Integration der neuen perioperativen und Erhaltungsstrategien in die interdisziplinäre Entscheidungsfindung. Klassische Chemotherapie-Regimes werden in mehreren Indikationen weiter verdrängt oder ergänzt. Die Langzeitdaten und Real-World-Erfahrungen werden die endgültige Positionierung bestimmen.
