Testosteron ohne gesicherten Mangel: Neue Studie zeigt mögliche kardiovaskuläre Risiken

Die Testosterontherapie hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verbreitet. Behandelt werden längst nicht mehr ausschließlich Männer mit einem eindeutig nachgewiesenen Hypogonadismus. Insbesondere in kommerziellen „Men’s Health“- und Anti-Aging-Angeboten wird Testosteron teilweise bereits bei Müdigkeit, nachlassender Leistungsfähigkeit oder dem Wunsch nach mehr Muskelmasse verordnet – auch wenn die gemessenen Testosteronwerte nicht eindeutig erniedrigt sind.

Eine neue, 2026 in eBioMedicine veröffentlichte Real-World-Studie liefert nun ein wichtiges Warnsignal: Männer, die eine Testosterontherapie ohne dokumentierten Hinweis auf einen Testosteronmangel begonnen hatten, wiesen langfristig mehr kardiovaskuläre Ereignisse und eine höhere Sterblichkeit auf als vergleichbare Männer mit einem dokumentierten Hypogonadismus.

Die Wissenschaftler analysierten elektronische Gesundheitsdaten aus 123 medizinischen Einrichtungen weltweit. Eingeschlossen wurden Männer zwischen 30 und 75 Jahren, die erstmals eine Testosterontherapie erhielten. Personen mit einer vorausgegangenen Testosteronbehandlung oder bereits dokumentierten schweren kardiovaskulären beziehungsweise thromboembolischen Ereignissen wurden für einen Zeitraum von drei Jahren vor Therapiebeginn ausgeschlossen.

Insgesamt konnten 358.957 Männer identifiziert werden. Bemerkenswert ist, dass bei 127.152 Männern – rund 35 Prozent aller Behandelten – in den verfügbaren Daten kein Nachweis eines Hypogonadismus vorlag. Als Hinweis auf einen Hypogonadismus galten unter anderem eine entsprechende Diagnose, ein Gesamttestosteron von höchstens 300 ng/dl oder ein freies Testosteron von höchstens 60 pg/ml. Die Studie verglich dabei nicht Testosteronanwender mit unbehandelten Männern, sondern zwei Gruppen von Testosteronanwendern: Männer mit und Männer ohne dokumentierten Mangel.

Um die Gruppen möglichst vergleichbar zu machen, führten die Autoren ein Propensity-Score-Matching durch. Dabei wurden unter anderem Alter, ethnischer Hintergrund, Bluthochdruck, Übergewicht, Nierenerkrankungen, Nikotinkonsum, Diabetesrisiken und weitere Begleiterkrankungen berücksichtigt. Nach diesem Abgleich standen sich jeweils 113.554 Männer gegenüber. Die maximale Nachbeobachtungszeit betrug zehn Jahre.

Die Ergebnisse waren deutlich. Das kumulative Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse – definiert als Herzinfarkt, ischämischer Schlaganfall, Herzstillstand oder Tod – lag bei Männern ohne dokumentierten Hypogonadismus bei 16,53 Prozent. In der Vergleichsgruppe mit Hypogonadismus waren es 11,83 Prozent. Dies entsprach einer um etwa 51 Prozent höheren Hazard Rate.

Besonders auffällig war die Gesamtsterblichkeit. Sie war in der Gruppe ohne dokumentierten Mangel nahezu doppelt so hoch. Auch ischämische Schlaganfälle, Herzstillstände und Herzinsuffizienz traten häufiger auf. Die Autoren fanden für Schlaganfälle eine Hazard Ratio von 1,23, für Herzstillstand von 1,41 und für Herzinsuffizienz von 1,32. Beim Herzinfarkt und bei der Lungenembolie waren die Unterschiede geringer und in einzelnen Sensitivitätsanalysen nicht mehr eindeutig nachweisbar. Die wesentlichen Signale für Schlaganfall, Herzstillstand, Herzinsuffizienz und Mortalität blieben jedoch bestehen.

Auch eine strengere Analyse, in der nur Männer mit tatsächlich dokumentierten Laborwerten berücksichtigt wurden, bestätigte das Ergebnis. Männer ohne erniedrigte Testosteronwerte hatten weiterhin ein rund 52 Prozent höheres Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse als Männer mit mindestens zwei nachgewiesenen niedrigen Messwerten.

Interessant war außerdem der Einfluss des Hämatokrits. Innerhalb der Gruppe ohne Hypogonadismus war ein Ausgangshämatokrit über 50 Prozent mit einem zusätzlich erhöhten Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse und Herzinfarkte verbunden. Dies ist biologisch plausibel, da Testosteron die Bildung roter Blutkörperchen stimuliert. Ein zu hoher Hämatokrit kann die Blutviskosität erhöhen und möglicherweise thrombotische oder hämodynamische Komplikationen begünstigen.

Die Studie beweist allerdings nicht, dass Testosteron selbst die beobachteten Ereignisse verursacht hat. Es handelt sich um eine retrospektive Beobachtungsstudie. Trotz umfangreicher statistischer Anpassungen können unbekannte Unterschiede zwischen den Gruppen bestehen bleiben. So konnten Dosierung, Präparat, Applikationsform, Therapiedauer, Therapieabbrüche und tatsächliche Einnahmetreue nicht zuverlässig rekonstruiert werden.

Ebenso bedeutet „kein dokumentierter Hypogonadismus“ nicht automatisch, dass die Männer sicher normale Testosteronwerte hatten. Laborwerte oder Beschwerden könnten außerhalb des untersuchten Systems erhoben oder unvollständig dokumentiert worden sein. Umgekehrt könnten in dieser Gruppe häufiger supraphysiologische Dosierungen, Bodybuilding-orientierte Anwendungen oder weniger strukturierte Behandlungen vorgekommen sein. Solche Faktoren lassen sich anhand der vorhandenen Routinedaten nicht vollständig voneinander trennen. Die Autoren betonen deshalb ausdrücklich, dass ihre Ergebnisse Assoziationen beschreiben und keine direkte Kausalität beweisen.

Dennoch ist die klinische Botschaft relevant. Die Studie widerspricht nicht den bisherigen randomisierten Untersuchungen wie der TRAVERSE-Studie, in denen eine fachgerecht überwachte Testosteronersatztherapie bei Männern mit bestätigtem Hypogonadismus keine generelle Zunahme schwerer kardiovaskulärer Ereignisse zeigte. Sie ergänzt diese Ergebnisse vielmehr: Die Sicherheit einer Testosterontherapie scheint wesentlich davon abzuhängen, bei wem, aus welchem Grund, in welcher Dosierung und unter welcher Kontrolle sie durchgeführt wird. Randomisierte Daten sind vor allem für sorgfältig ausgewählte Männer mit nachgewiesenem Mangel und strukturierter Überwachung beruhigend.

Testosteron sollte daher nicht als unspezifisches Mittel gegen Müdigkeit, altersbedingten Leistungsabfall oder fehlenden Muskelaufbau eingesetzt werden. Vor einer Behandlung gehören typische Beschwerden, mindestens zwei korrekt abgenommene morgendliche Testosteronmessungen und – abhängig von der Situation – SHBG, freies Testosteron, LH, FSH und mögliche reversible Ursachen in die Diagnostik. Ebenso wichtig sind eine individuelle Bewertung des kardiovaskulären Risikos sowie regelmäßige Kontrollen von Blutdruck, Hämatokrit und weiteren relevanten Laborwerten.

Die zentrale Aussage der Studie ist damit nicht, dass jede Testosterontherapie gefährlich ist. Sie lautet vielmehr: Eine medizinisch begründete Substitution bei nachgewiesenem Testosteronmangel ist etwas grundsätzlich anderes als eine Testosterongabe ohne klare Indikation. Gerade bei Männern mit normalen Ausgangswerten ist ein möglicher Nutzen unsicher – während die langfristigen Risiken nach diesen Daten keineswegs vernachlässigt werden dürfen. Die Autoren kommen entsprechend zu dem Schluss, dass etwa ein Drittel der behandelten Männer keinen dokumentierten Hypogonadismus aufwies und dass diese Behandlungssituation mit einem klinisch relevanten Anstieg schwerer kardiovaskulärer und zerebrovaskulärer Ereignisse verbunden war.

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