Update IV 13.10.2026

Testosteron und Anabolika

1. Langzeiteinnahme anaboler Steroide und bleibende Herzveränderungen

Eine Follow-up-Studie über knapp zehn Jahre bei Kraftsportlern, publiziert im European Heart Journal – Cardiovascular Imaging, zeigt, dass fortgesetzter Gebrauch anabol-androgener Steroide (AAS) mit anhaltender Verdickung der linksventrikulären Wand, eingeschränkter Kontraktion und gestörter Relaxation einhergeht. Bei 17 % der Weiterverwender lag eine stark reduzierte Pumpfunktion vor. Männer, die den Gebrauch einstellten, zeigten eine signifikante Rückbildung der Muskelmasse: der linksventrikuläre Massenindex sank von 112 auf 91 g/m² (19 % Reduktion) und erreichte Werte der Kontrollgruppe. ESC / EHJ Cardiovascular Imaging, 12. Oktober. Einordnung: Die strukturellen Veränderungen sind dosis- und zeitabhängig und betreffen auch niedrigere Dosierungen im Kraftsport. Das Stoppen ermöglicht eine teilweise Rückbildung, was die Reversibilität unterstreicht — vorausgesetzt, die Schädigung ist noch nicht fortgeschritten. In der Praxis bedeutet das: Wer anabole Steroide außerhalb medizinischer Indikation nutzt, nimmt ein messbares Risiko für Kardiomyopathie und Funktionsverlust in Kauf. Therapeutische Testosteronsubstitution bei nachgewiesenem Hypogonadismus ist davon klar zu unterscheiden.

2. TRAVERSE und T Trials: Nutzen und Grenzen der Substitution

Die TRAVERSE-Studie (NEJM 2023, n=5.246 Männer mit Hypogonadismus und erhöhtem kardiovaskulärem Risiko) zeigte Non-Inferiorität von transdermalem Testosteron gegenüber Placebo für major adverse cardiovascular events (7,0 % vs. 7,3 %; HR 0,96). Sexualfunktion und depressive Symptome besserten sich; Diabetesprävention, Frakturrisiko und Prostatakarzinomrisiko blieben unverändert, wobei Frakturen in der Testosterongruppe häufiger auftraten. Die T Trials bei Männern ab 65 Jahren mit altersbedingtem Androgenmangel bestätigten Verbesserungen von Sexualfunktion und Stimmung, nicht aber von Vitalität, körperlicher Funktion oder Kognition. NEJM / JCEM-Übersicht. Einordnung: Die kardiovaskuläre Sicherheit bei Risikopatienten ist besser belegt als früher angenommen. Der Nutzen beschränkt sich auf klar definierte Symptome (Libido, Erektionsfunktion, Stimmung). Physische Leistungsfähigkeit und Knochengesundheit profitieren nicht zuverlässig. Die höhere Frakturrate mahnt zur Vorsicht bei Osteoporose. Off-Label-Verschreibungen bei normalem Testosteronspiegel bleiben ohne robuste Evidenz und bergen das Risiko der HPG-Achsen-Suppression.

3. SPIRIT: Testosteron nach Prostatektomie

In der randomisierten, placebokontrollierten SPIRIT-Studie (JAMA Internal Medicine) erhielten Männer mit Hypogonadismus nach radikaler Prostatektomie wegen niedriggradigem Prostatakarzinom über drei Monate Testosteron oder Placebo. Sexualaktivität, Libido, Magermasse (+2,56 kg ganzkörperlich), körperliche Funktion und aerobe Leistungsfähigkeit verbesserten sich signifikant. Es traten keine biochemischen Rezidive auf. JAMA Intern Med. Einordnung: Die historische Kontraindikation nach Prostatakarzinom wird für ausgewählte, kurativ behandelte Patienten mit niedrigem Risiko relativiert. Drei Monate sind kurz; Langzeitdaten zu PSA-Verlauf und Metastasierung fehlen. Die Magermassenzunahme ist real, aber kein Argument für den Einsatz bei eugonadalen Männern. In der onkologischen Nachsorge bleibt die engmaschige PSA-Kontrolle Pflicht.

4. Anabole Effekte und der Kontext von Abnehmspritzen

Testosteron fördert die Hypertrophie von Typ-1- und Typ-2-Muskelfasern, steigert die Zahl mesenchymaler Progenitorzellen über den Androgenrezeptor, stimuliert GH/IGF-1 und verbessert die mitochondriale Funktion sowie die Sauerstoffverfügbarkeit. Das Deutsche Ärzteblatt thematisierte im Kontext von GLP-1-Rezeptoragonisten den möglichen Muskelverlust und die Diskussion um begleitende anabole Maßnahmen (SARMs, Antikörper gegen Myostatin). Deutsches Ärzteblatt. Einordnung: Die molekularen Mechanismen erklären den Kraft- und Massezuwachs unter supraphysiologischen Dosen. Im therapeutischen Bereich bleibt der Effekt moderat und symptombezogen. Bei GLP-1-induziertem Gewichtsverlust ist Krafttraining plus ausreichende Proteinzufuhr die evidenzbasierte Basis; anabole Substanzen bleiben die Ausnahme und erfordern klare Indikation. Unkontrollierter Gebrauch im Freizeitsport erhöht das Risiko für kardiovaskuläre Schäden, Fertilitätsverlust und Hormonachsenstörungen weit über den Nutzen hinaus.

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