Testosteron und Anabolika
1. Kardiovaskuläre Effekte fortgesetzter versus beendeter anabol-androgener Steroidnutzung
Eine longitudinale Follow-up-Studie (European Heart Journal – Cardiovascular Imaging, Oktober 2026) untersuchte Kraftsportler über ca. 6–7 Jahre. Fortgesetzte Anwender anabol-androgener Steroide (AAS) zeigten persistierende linksventrikuläre Hypertrophie (LVMI ca. 119 g/m²), reduzierte Ejektionsfraktion (mittlere LVEF 48 %) und Verschlechterung der diastolischen Funktion, trotz teilweise reduzierter Dosen. Etwa 17 % der fortgesetzten Nutzer hatten eine LVEF ≤ 40 %. Bei Absetzen kam es zu einer Reduktion des LVMI um ca. 21 g/m² und einer Verbesserung der LVEF um ca. 6 %; die Werte näherten sich denen nicht-steroidnutzender Kontrollen an. TCTMD / EHJ-CVI. Einordnung: Die Daten bestätigen, dass fortgesetzter AAS-Gebrauch auch bei niedrigeren Dosen zu anhaltender kardialer Remodellierung und Funktionsstörung führt. Das Absetzen ermöglicht eine teilweise Reversibilität von Masse und systolischer Funktion. In der Praxis unterstreicht dies die Bedeutung von Abstinenz als primärem Ziel; bei fortgesetzter Nutzung bleiben Risikostratifizierung und Blutdruckkontrolle relevant. Die Studie ist klein und selektiert, liefert aber wichtige longitudinale Evidenz jenseits von Querschnittsdaten.
2. Update zur kardiovaskulären Sicherheit der Testosteronersatztherapie (TRAVERSE und Folgearbeiten)
Die TRAVERSE-Studie zeigte Non-Inferiorität von physiologischer Testosteron-Gel-Therapie versus Placebo hinsichtlich major adverse cardiovascular events (MACE) bei Männern mit bestätigtem Hypogonadismus und erhöhtem kardiovaskulärem Risiko (HR 0,96; 95 %-KI 0,78–1,17). Aktuelle Reviews (u. a. Nature Reviews Urology, JAHA, Andrology) und Metaanalysen bestätigen kein erhöhtes MACE-Risiko bei adäquat ausgewählten Patienten. Numerisch höhere Raten von Vorhofflimmern und venösen Thromboembolien wurden beobachtet, ohne statistische Signifikanz in der Hauptdaten. Off-label-Einsatz ohne dokumentiertes Hypogonadismus war in Real-World-Daten mit höherem Langzeitrisiko assoziiert. Nature Reviews Urology | JAHA. Einordnung: TRAVERSE und Folgeanalysen stabilisieren die kardiovaskuläre Sicherheit physiologischer TRT bei korrekter Indikation und Monitoring. Der Unterschied zu supraphysiologischen AAS-Dosen bleibt zentral. In der Praxis sollten Doppelbestimmungen, Symptom- und Risikostratifizierung sowie Verlaufskontrollen (Hämatokrit, PSA, Blutdruck) Standard bleiben. Langzeitdaten jenseits von 3 Jahren und nicht-transdermale Formulierungen sind noch begrenzt.
3. SPIRIT-Studie: Testosteron nach Prostatektomie bei günstigem Prostatakarzinom
Die SPIRIT-Studie randomisierte hypogonadale Männer ≥ 2 Jahre nach Prostatektomie für günstiges Prostatakarzinom (Grade Group 1–2, PSA < 0,04 ng/ml) zu wöchentlichem intramuskulärem Testosteron versus Placebo für 12 Wochen. Kein Patient erreichte einen PSA-Anstieg auf ≥ 0,2 ng/ml. Die Testosteron-Gruppe zeigte Verbesserungen bei sexueller Aktivität, Libido, lean body mass (+2,6 kg) und körperlicher Leistungsfähigkeit. Zusammenfassung SPIRIT. Einordnung: Die kurze Studie liefert Proof-of-Concept-Daten zur Sicherheit physiologischer TRT nach kurativer Behandlung günstiger Prostatakarzinome. PSA-Stabilität und funktionelle Benefits sind ermutigend. In der Praxis bleibt dies vorerst auf gut selektierte Patienten beschränkt; längere Follow-ups und größere Kohorten sind erforderlich, bevor eine breitere Anwendung empfohlen werden kann. Die Daten unterstützen eine individualisierte Entscheidung nach interdisziplinärer Abstimmung.
4. Praktische Einordnung
Aktuelle Daten differenzieren klar zwischen physiologischer TRT und supraphysiologischem AAS-Gebrauch. Einordnung: Für die TRT bleibt bei bestätigtem Hypogonadismus und Monitoring ein akzeptables kardiovaskuläres Profil erhalten. AAS-Nutzer zeigen persistierende kardiale Veränderungen, die nach Absetzen teilweise reversibel sind. In der Praxis bedeutet das: Indikationsstellung und Verlaufskontrollen für TRT schärfen, bei AAS-Anamnese frühzeitig auf Abstinenz und kardiale Diagnostik hinarbeiten. Die Evidenzlage verbessert sich kontinuierlich, bleibt aber bei Langzeit- und Hochdosisexpositionen begrenzt.
