Testosteron und Anabolika
1. Nutzen und Sicherheit der Testosterontherapie aus T-Trials und TRAVERSE (JCEM)
Eine aktuelle narrative Übersicht fasst die Ergebnisse der Testosterone Trials (T Trials) und der TRAVERSE-Studie zusammen. In den T Trials verbesserte Testosteron bei älteren Männern mit altersbedingtem Hypogonadismus die sexuelle Funktion und die Stimmung, nicht jedoch die körperliche Funktion, Vitalität oder Kognition. In TRAVERSE war Testosteron hinsichtlich major adverse cardiovascular events (MACE) nicht unterlegen gegenüber Placebo. Prostatereignisse waren vergleichbar, die Frakturrate jedoch unerwartet höher unter Testosteron. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism. Einordnung: Die Daten bestätigen einen symptomatischen Nutzen vor allem bei sexuellen Beschwerden und Stimmung, ohne dass ein erhöhtes MACE-Risiko in der untersuchten Population erkennbar ist. Die höhere Frakturrate bleibt ein unerwartetes Signal und erfordert weitere Klärung. In der Praxis unterstützt dies eine gezielte Indikationsstellung bei klar diagnostiziertem Hypogonadismus mit entsprechenden Symptomen. Langzeitsicherheit (insbesondere Prostatakarzinom) bleibt begrenzt dokumentiert; Monitoring ist weiterhin essenziell.
2. Steigender Testosterongebrauch bei Frauen – begrenzte Evidenz (JAMA)
Ein Bericht in JAMA beschreibt einen deutlichen Anstieg der Testosteronverordnungen bei Frauen in den USA, insbesondere in der Lebensmitte. Während physiologische Dosen bei hypoaktivem sexuellem Verlangen (HSDD) evidenzbasiert wirksam sein können, fehlt für viele andere behauptete Effekte (Kognition, Stimmung, Muskelkraft, kardiovaskuläre oder muskuloskelettale Gesundheit) robuste Evidenz aus randomisierten Studien. Neuere Untersuchungen (u. a. PAMELA) zeigten keine relevanten Verbesserungen von Muskelkraft oder Balance. JAMA. Einordnung: Der Anstieg der Verordnungen übersteigt die aktuelle Evidenzbasis. In der Praxis sollte Testosteron bei Frauen nur bei klarer HSDD-Indikation und unter engem Monitoring erwogen werden. Viele der populären Claims zu „Anti-Aging“- oder Leistungssteigerungseffekten sind derzeit nicht ausreichend belegt. Die Daten mahnen zur Zurückhaltung und zur kritischen Aufklärung.
3. Skelettmuskel als zentraler Ort der Lipidmetabolismus-Veränderung unter Testosteron (JCEM)
Eine interventionelle Studie untersuchte die Auswirkungen von Testosteronersatz (TRT) und Androgendeprivation (ADT) auf den Plasma- und Muskelmetabolom. TRT erhöhte Testosteron und Muskelmasse und veränderte zahlreiche Plasmametaboliten (v. a. Suppression zirkulierender Lipide) sowie intramuskuläre Lipidklassen. ADT führte zum gegenteiligen Effekt mit Muskelverlust und Fettzunahme. Die Veränderungen im Muskel waren ausgeprägter und gewebespezifisch. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism. Einordnung: Die Arbeit zeigt, dass der Skelettmuskel ein wichtiger Ort androgen-sensitiver metabolischer Regulation ist und dass Plasmawerte allein die Effekte unvollständig abbilden. In der Praxis unterstützt dies das Verständnis, warum Hypogonadismus mit ungünstiger Körperzusammensetzung und metabolischen Veränderungen einhergeht. Die Daten liefern mechanistische Erklärungen für die beobachteten Veränderungen der Körperzusammensetzung unter TRT bzw. ADT.
4. Metaanalyse zu kardiovaskulärem und Prostatarisiko unter Testosterontherapie
Eine systematische Übersicht und Metaanalyse von 41 randomisierten kontrollierten Studien (über 11.000 Teilnehmer) fand keine statistisch signifikante Assoziation von Testosterontherapie mit einem erhöhten Risiko für MACE oder Prostatakarzinom-Ereignisse. International Journal of Impotence Research. Einordnung: Die gepoolte Evidenz relativiert Bedenken hinsichtlich eines deutlichen Anstiegs von kardiovaskulären oder Prostatakarzinom-Risiken unter physiologischer Substitution in den untersuchten Populationen. In der Praxis bleibt dennoch eine individuelle Risikostratifizierung und das Monitoring erforderlich, insbesondere bei längerer Therapiedauer. Die Ergebnisse ergänzen die TRAVERSE-Daten und unterstützen eine evidenzbasierte Indikationsstellung.
5. Praktische Einordnung
Aktuelle Arbeiten präzisieren Nutzen, Grenzen und Sicherheit der Testosterontherapie. Einordnung: Bei klar diagnostiziertem Hypogonadismus mit entsprechenden Symptomen kann TRT sexuelle Funktion und Stimmung verbessern, ohne dass ein erhöhtes MACE-Risiko in großen Studien erkennbar ist. Bei Frauen ist die Evidenz außerhalb der HSDD-Indikation schwach. Mechanistische Daten unterstreichen die Rolle des Muskels im metabolischen Effekt. In der Praxis bleibt die sorgfältige Diagnostik, die gezielte Indikationsstellung und das Monitoring entscheidend; supraphysiologische Anabolika-Anwendungen unterscheiden sich fundamental von der physiologischen Substitution und tragen ein deutlich höheres Risiko.
