Endoskopische Gastroenterologie
1. ASGE-Leitlinie 2026 zur unteren gastrointestinalen Blutung
Die aktualisierte ASGE-Leitlinie (in Press in GIE) verändert zentrale Empfehlungen zur akuten unteren GI-Blutung. Eine dringende Koloskopie innerhalb von 24 Stunden wird nicht mehr betont. Die Koloskopie wird nur für hämodynamisch stabile Patienten empfohlen, die eine vollständige Darmvorbereitung tolerieren – unabhängig vom genauen Zeitpunkt. Bei anhaltender hämodynamischer Instabilität wird CT/CTA mit anschließender interventionell-radiologischer Therapie bevorzugt. Für rechtsseitige Divertikelblutungen wird Bandligatur als Erstlinie vorgeschlagen (niedrigere Rezidivrate), für linksseitige Clip-Verschluss. Direkte Clip-Applikation auf das Gefäß wird gegenüber indirektem Verschluss bevorzugt. Zusammenfassung der Leitlinienänderungen. Einordnung: Die Leitlinie folgt dem internationalen Trend, die Rolle der Notfall-Koloskopie zu relativieren und die Bildgebung bei instabilen Patienten in den Vordergrund zu stellen. Praktisch bedeutet das weniger Druck auf die Endoskopie-Bereitschaft außerhalb der Dienstzeiten, solange der Patient stabil ist. Die Empfehlung zur Bandligatur rechtsseitig ist umstritten und hängt von der Verfügbarkeit geeigneter Ligatur-Sets ab. In Zentren ohne Routine mit Colonoscope-Ligaturen wird der Clip-Verschluss weiterhin die Standardoption bleiben. Die Leitlinie stärkt die interdisziplinäre Abstimmung mit der Radiologie bei instabilen Patienten.
2. EUS-geführte Verfahren bei Hochrisiko-Patienten
Zwei Netzwerk-Metaanalysen (präsentiert auf der DDW 2026) zeigen, dass EUS-geführte Prozeduren bei ausgewählten Hochrisiko-Patienten klassischen Alternativen überlegen oder gleichwertig sind. Bei akuter Cholezystitis war EUS-Gallengangdrainage (EUS-GBD) dem endoskopischen transpapillären Stenting überlegen und der laparoskopischen Cholezystektomie sowie der perkutanen Drainage nicht unterlegen. Die Reinterventionsrate lag bei perkutaner Drainage fast 9-fach höher (OR 8,76). Bei maligner Magenausgangsstenose war die klinische Erfolgsrate von EUS-Gastroenterostomie vergleichbar mit enteralem Stenting und chirurgischer Gastroenterostomie. HCPLive / DDW 2026. Einordnung: EUS-geführte Drainageverfahren etablieren sich als First-Line-Option bei nicht-operablen oder Hochrisiko-Patienten. Der Vorteil liegt vor allem in der geringeren Reinterventionsrate und der Vermeidung externer Drainagen. Die Verfahren erfordern jedoch hohe Expertise und geeignete Geräte. In der Praxis sollten sie bei geeigneten Patienten früh in interdisziplinären Boards diskutiert werden, bevor man auf perkutane oder rein chirurgische Wege ausweicht. Die Daten unterstützen den Ausbau von EUS-Programmen in Zentren mit entsprechendem Volumen.
3. GLP-1-Agonisten vor der Endoskopie – OCULUS-Studie
Die randomisierte OCULUS-Studie zeigte, dass das Fortführen von GLP-1- oder GIP/GLP-1-Agonisten vor der oberen Endoskopie das Risiko eines klinisch relevanten Residualvolumens im Magen signifikant erhöht und die Untersuchung erschwert. Das Pausieren einer einzigen Dosis reduzierte dieses Risiko. Die aktuellen Multisociety-Empfehlungen (2024) erlauben bei den meisten Patienten das Fortführen unter gemeinsamer Entscheidung, während ältere ASA-Empfehlungen ein generelles Pausieren nahelegten. HCPLive / OCULUS. Einordnung: Die Daten unterstreichen, dass ein generelles „Weiternehmen“ nicht risikofrei ist, besonders wenn eine vollständige Magensicht erforderlich ist. In der Praxis ist eine individualisierte Entscheidung sinnvoll: Bei elektiven Untersuchungen und bekannter verlangsamter Magenentleerung kann das Pausieren einer Dosis die Untersuchungsqualität verbessern. Bei dringenden Indikationen oder niedrigem Risiko kann das Fortführen unter Aspiration-Vorkehrungen vertretbar sein. Die Kommunikation zwischen verschreibendem Arzt und Endoskopiker bleibt entscheidend. Die Studienergebnisse werden die laufende Debatte um periinterventionelle GLP-1-Handhabung weiter anheizen.
4. Überwachungsintervalle nach High-Risk-Adenomen und Roboter-Koloskopie
Eine geplante Interimsanalyse einer randomisierten Studie (NEJM) zeigte, dass die erste Kontroll-Koloskopie nach 5 Jahren bei Patienten mit High-Risk-Adenomen der 3-Jahres-Kontrolle hinsichtlich der Inzidenz kolorektaler Karzinome nicht unterlegen war. Parallel wurde auf der UEG-Week ein First-in-Human-System für robotergestützte Koloskopie (Triton) vorgestellt: Bei 50 Patienten 100 % Zökum-Intubationsrate, mediane Zeit 13 Minuten, Adenom-Detektionsrate 54 %, keine unerwünschten Ereignisse. Die Technik reduziert die physische und mentale Belastung des Untersuchers. NEJM Surveillance-Studie. Einordnung: Die 5-Jahres-Nichtunterlegenheit stützt eine individualisierte Verlängerung der Überwachungsintervalle bei ausgewählten Patienten und kann die Endoskopie-Kapazität entlasten. Die robotergestützte Koloskopie ist noch experimentell, zeigt aber Potenzial für ergonomischere und möglicherweise präzisere Untersuchungen. In der Praxis bleibt die Qualität der Vorbereitung und die Untersucher-Erfahrung der wichtigste Faktor für die Detektionsrate. Beide Entwicklungen deuten darauf hin, dass die Koloskopie weiter optimiert und die Intervalle evidenzbasiert angepasst werden.
5. Was in der Praxis zählt
Die aktuellen Daten relativieren die Notfall-Koloskopie bei unterer GI-Blutung, stärken EUS-geführte Drainagen bei Hochrisiko-Patienten und fordern eine differenzierte Handhabung von GLP-1-Agonisten vor der Endoskopie. Überwachungsintervalle nach Adenom-Entfernung können bei ausgewählten Patienten verlängert werden. Einordnung: In der täglichen Praxis bedeutet das weniger Druck auf die 24-Stunden-Koloskopie, mehr interdisziplinäre Abstimmung mit der Radiologie und eine klare Kommunikation zu GLP-1-Pausen. EUS-Programme sollten bei entsprechendem Volumen ausgebaut werden. Die Qualität der Darmvorbereitung und die Untersucher-Expertise bleiben die entscheidenden Faktoren für die Patientensicherheit und die Detektionsrate. Die neuen technischen Ansätze (Roboter, optimierte Verschlusstechniken) sind vielversprechend, ersetzen aber noch nicht die etablierte Standard-Endoskopie.
