Innere Medizin
1. Semaglutid: Kardiovaskulärer Nutzen über den Gewichtsverlust hinaus
Eine neue Analyse der SELECT-Studie, veröffentlicht im European Heart Journal (DOI: 10.1093/eurheartj/ehag524), zeigt, dass der kardiovaskuläre Nutzen von Semaglutid bei Erwachsenen mit vorbestehender kardiovaskulärer Erkrankung und BMI ≥ 27 kg/m² ohne Diabetes nicht allein durch die Gewichtsabnahme oder Verbesserungen bekannter Risikofaktoren erklärt werden kann. In der Originalstudie reduzierte Semaglutid das Risiko für schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse (MACE) gegenüber Placebo um 20 %. Die aktuelle Auswertung deutet auf zusätzliche Mechanismen hin, die über die metabolischen Effekte hinausgehen. Das Deutsche Ärzteblatt berichtete am 16. Oktober darüber. Deutsches Ärzteblatt, 16.10.. Einordnung: Der Befund stärkt die Position von GLP-1-Rezeptoragonisten als kardiovaskuläre Therapie und nicht nur als Abnehmmedikament. Für die Praxis bedeutet das, dass der Nutzen auch bei moderater Gewichtsabnahme relevant bleiben kann. Die genauen Mechanismen (Entzündung, Endothel, Plaque-Stabilität) sind noch nicht vollständig geklärt. Bei Patienten mit etablierter KHK oder Zustand nach Infarkt ohne Diabetes ist die Indikation damit klarer geworden. Die Kosten-Nutzen-Bewertung und die Langzeitverträglichkeit bleiben praktische Hürden. Eine Therapieentscheidung sollte weiterhin die individuelle Risikokonstellation und die Verfügbarkeit berücksichtigen.
Onkologie
2. Ponatinib plus Blinatumomab bei Ph-positiver ALL
Die Phase-3-Studie GIMEMA ALL2820 (NEJM, 15. Oktober 2026) verglich bei Erwachsenen mit Ph-positiver akuter lymphatischer Leukämie die Kombination aus dem TKI Ponatinib und dem bispezifischen Antikörper Blinatumomab mit Imatinib plus Chemotherapie. Das ereignisfreie Überleben nach 24 Monaten lag bei 86 % mit Ponatinib–Blinatumomab gegenüber 67 % mit der Chemotherapie-haltigen Kontrolle. Die chemotherapiefreie Strategie zeigte damit eine klare Überlegenheit beim primären Endpunkt. Ein begleitendes Editorial betont den Paradigmenwechsel hin zu intensitätsreduzierten, zielgerichteten Ansätzen. NEJM 2026;395:1483-1494. Einordnung: Die Daten markieren einen wichtigen Schritt weg von intensiver Chemotherapie bei Ph-positiver ALL. Die hohe EFS-Rate spricht für eine bessere Krankheitskontrolle bei gleichzeitig potenziell geringerer Toxizität. In der Praxis wird die Verfügbarkeit von Blinatumomab und die Erfahrung mit der Kombination entscheidend sein. Langzeitdaten zu Resistenz und Spättoxizität fehlen noch. Für geeignete Patienten ohne Kontraindikationen sollte die Strategie in interdisziplinären Boards diskutiert werden. Die Ergebnisse unterstützen den Trend zu präzisionsmedizinisch geführten, deeskalierten Protokollen in der Hämatologie.
3. Zanzalintinib plus Atezolizumab bei MSS-metastasiertem Kolorektalkarzinom
Eine randomisierte Studie (901 Patienten, 16 Länder) zeigte erstmals einen Überlebensvorteil durch eine Immuntherapie-basierte Kombination bei der großen Mehrheit der Patienten mit metastasiertem Kolorektalkarzinom, die microsatellite-stable (MSS) sind. Zanzalintinib (zielgerichtet) plus Atezolizumab verlängerte das mediane Gesamtüberleben auf 10,9 Monate gegenüber 9,4 Monaten mit Regorafenib (Risikoreduktion ca. 20 %). Nach zwei Jahren lebten noch etwa 20 % der Patienten unter der Kombination versus 10 % unter Regorafenib. Der Benefit war auch bei Lebermetastasen sichtbar. Die Ergebnisse wurden im Lancet veröffentlicht und auf dem ESMO-Kongress vorgestellt. UCLA Health / Lancet. Einordnung: Dies ist der erste klare OS-Vorteil einer Immuntherapie bei MSS-metastasiertem CRC, einer Gruppe, die bisher kaum auf Checkpoint-Inhibitoren angesprochen hat. Der absolute Gewinn ist moderat, aber klinisch relevant in der Zweit- und Drittlinie. Die Kombination erweitert die Optionen jenseits von Regorafenib oder Trifluridin/Tipiracil. Toxizität und Selektion (Biomarker?) werden die praktische Umsetzung bestimmen. Weitere Studien müssen klären, ob der Ansatz auch früher in der Sequenz sinnvoll ist.
4. Neoadjuvantes Nivolumab plus Ipilimumab bei MSI-H-Magen-/GEJ-Karzinom
Die Phase-2-Studie NEONIPIGA (JAMA Oncology, online 15. Oktober 2026) berichtet Langzeitdaten zum neoadjuvanten Nivolumab plus Ipilimumab gefolgt von Chirurgie und adjuvantem Nivolumab bei lokalisierten MSI-high oder dMMR Magen- und gastroösophagealen Übergangskarzinomen. Die Kombination war mit einem anhaltend hohen ereignisfreien und Gesamtüberleben assoziiert. Die Ergebnisse unterstreichen die Wirksamkeit dualer Checkpoint-Blockade in dieser molekular definierten Subgruppe. JAMA Oncology. Einordnung: MSI-H/dMMR-Tumoren im oberen Gastrointestinaltrakt sprechen besonders gut auf Immuntherapie an. Die neoadjuvante duale Blockade kann bei geeigneten Patienten eine starke pathologische Response und gute Langzeitkontrolle ermöglichen. Die Selektion per Biomarker ist entscheidend; bei MSS-Tumoren ist der Ansatz nicht übertragbar. In der Praxis sollte die molekulare Testung früh erfolgen, um solche Optionen nicht zu verpassen. Die Daten unterstützen eine individualisierte, immuntherapie-basierte Strategie bei diesen Patienten.
5. Encorafenib bei BRAF-V600E-metastasiertem Kolorektalkarzinom
Das IQWiG sieht in einer frühen Nutzenbewertung einen Hinweis auf beträchtlichen Zusatznutzen für Encorafenib in Kombination mit Cetuximab und mFOLFOX6 in der Erstlinie bei metastasiertem Kolorektalkarzinom mit BRAF-V600E-Mutation. Für das Gesamtüberleben zeigte sich ein statistisch signifikanter Vorteil gegenüber der zweckmäßigen Vergleichstherapie. Das Deutsche Ärzteblatt berichtete am 16. Oktober. Deutsches Ärzteblatt / IQWiG. Einordnung: Die BRAF-V600E-Mutation definiert eine prognostisch ungünstige Subgruppe, für die zielgerichtete Kombinationen einen relevanten Fortschritt darstellen. Der Zusatznutzenhinweis erleichtert die Erstattung und den Einsatz in der Praxis. Die Testung auf BRAF sollte bei metastasiertem CRC Standard sein. Die Kombination mit Chemotherapie und EGFR-Antikörper bleibt eine wirksame, aber toxizitätsbehaftete Option, die gegen neuere Ansätze (z. B. die oben genannte Immuntherapie-Kombination) abgewogen werden muss.
