Innere Medizin
1. Herz nach linker Brustbestrahlung
Herzschonende Bestrahlung der linken Brust soll die linke vordere absteigende Kranzarterie entlasten und damit Infarkt, Herzinsuffizienz und Rhythmusstörungen im Langzeitverlauf reduzieren. In JAMA Oncology 2026;12:931–939 werden Patientinnen nach LAD-schonender Technik mit solchen nach konventioneller, das ganze Herz belastender Bestrahlung verglichen. Der klinische Kern ist nicht die Dosis in Gray, sondern ob weniger Dosis am Gefäß später weniger Ereignisse bedeutet. Viele kardiale Endpunkte treten erst nach Jahren auf; kurze Nachbeobachtung unterschätzt den Schaden. Gleichzeitig haben die Frauen oft dieselben klassischen Risiken: Blutdruck, Lipide, Diabetes, Rauchen, Bewegungsmangel. Einordnung: Onkologische Heilung und kardiovaskuläre Prävention laufen parallel, nicht nacheinander. In der internistischen Sprechstunde zählt die Bestrahlungsseite (links vs. rechts), die Technik und das Intervall seit Therapie. Symptome wie Belastungsdyspnoe oder atypischer Thoraxschmerz dürfen nicht als „Rezidengangst“ abgetan werden. Lipidziel und Blutdruckziel sind nach linksseitiger Bestrahlung eher strenger zu denken als in der Altersnorm. Herzschonend heißt nicht herzneutral: ein Rest-Risiko bleibt. Kooperation mit Radioonkologie (Dosis-Volume-Histogramm der LAD) hilft, das individuelle Risiko zu schätzen. Medikamente (Statine, ACE-Hemmer/Sartane wo indiziert) und Training sind die steuerbaren Hebel, die Bestrahlung ist Vergangenheit.
2. Methylierte SEPT9 bei Zirrhose
Bei Zirrhose bleibt das HCC-Risiko hoch, auch wenn AFP normal und der Ultraschall unauffällig ist. Die Arbeit in JAMA Oncol. 2026;12:940–949 prüft zirkulierende methylierte SEPT9 als Blutmarker zusätzlich zur etablierten Überwachung. Methylierungsmuster im Plasma spiegeln Tumor-DNA, sind aber störanfällig durch Entzündung, Probenlogistik und Cut-off. Ein einzelner erhöhter Wert ist kein Diagnosebeweis, ein negativer Wert kein Freibrief. Sensitivität und Spezifität hängen stark von der Prävalenz ab: in einer Spezialsprechstunde mit vielen HCC sieht der Test besser aus als in der Breite. Einordnung: AFP plus Ultraschall alle sechs Monate bleiben der Standard der Surveillance. SEPT9 kann Lücken füllen, wenn Bildgebung schwierig ist (Adipositas, Aszites) oder AFP chronisch unbrauchbar. Positiver Test ohne Herd zwingt zu besserer Bildgebung (KM-MRT), nicht zu sofortiger Intervention. Die größere Hebelwirkung gegen HCC liegt weiter in der Ursache der Zirrhose: Viruselimination, Alkoholstopp, Gewichts- und Diabetesführung. GLP-1-Agonisten bei Adipositas und metabolischer Dysfunktion sind Prävention am Ursprung, der Bluttest ist Nachsorge. Wer den Marker einführt, braucht einen klaren Algorithmus für falsch Positive – sonst entstehen unnötige Biopsien und Angst.
3. Ovarialmetastasen kolorektaler Karzinome
Ovarielle Absiedlungen vom Darmkrebs sind weder ein typisches Ovarialkarzinom noch automatisch Peritonealkarzinose. Der narrative Review in JAMA Oncology stellt Chemotherapie und Operation gegenüber. Isolierte, resektable Ovarialmetastasen können ein chirurgisches Fenster sein, besonders wenn der Primarius kontrolliert ist und keine diffuse Peritonealkarzinose vorliegt. Systemtherapie allein lässt oft Residualtumoren im Ovar zurück, weil die Pharmakokinetik im Ovar ungünstig sein kann. Umgekehrt nützt eine Adnexektomie wenig, wenn Leber, Peritoneum und Lunge progressiv sind. Histologie und Molekularprofil (RAS, BRAF, MSI, HER2) steuern die Systemtherapie unabhängig vom Operationsentschluss. Einordnung: Die Frage ist nicht „operieren ja/nein“, sondern „ist die Erkrankung regional begrenzbar?“. Das gehört ins interdisziplinäre Board mit Viszeralchirurgie und Gynäkologie. Junge Frauen brauchen eine klare Fertilitäts- und Hormonersatz-Diskussion, bevor beide Adnexe fallen. Nach Resektion folgt in der Regel Systemtherapie wie beim metastasierten CRC, nicht wie beim primären Ovarialkarzinom. Bildgebung allein unterscheidet Krukenberg-Metastase und unabhängigen Zweitumor nicht sicher – Histologie entscheidet.
Onkologie
4. Double-Hit-Lymphom: Venetoclax plus DA-EPOCH-R gestoppt
Double-Hit-Lymphome (MYC plus BCL2 und/oder BCL6) gelten als aggressiv und sprechen schlechter auf R-CHOP an. ALLIANCE A051701 prüfte deshalb Venetoclax zusätzlich zu DA-EPOCH-R. Der Arm wurde wegen überschüssiger Toxizität und Mortalität geschlossen; das progressionsfreie Überleben stieg nicht (Lancet Haematology / ASCO Post). Intensivierte Chemo-Immuntherapie hat bereits eine schmale therapeutische Breite: Infektion, Tumorlyse, Zytopenie. Ein BCL2-Inhibitor addiert Myelosuppression und Infektionsrisiko, ohne dass die Extra-Zytotoxizität den Progress aufwiegt. Einordnung: Mehr Targets auf derselben toxischen Plattform sind keine Strategie. DA-EPOCH-R oder vergleichbare Intensität ohne diesen Add-on bleibt vorerst der praktikable Standard, wo R-CHOP als unterlegen gilt. Patientenselektion nach Fitness, Komorbidität und minimaler Resterkrankung ist wichtiger als ein weiteres Oralpräparat in Zyklus 1. Für fitte, refraktäre Fälle bleiben CAR-T und bispezifische Antikörper die logischere Eskalation als noch mehr Induktionstoxizität. Negative Phase-3-Signale dieser Art gehören in Tumorboards ebenso wie positive Zulassungen – sie verhindern Schaden.
5. CAP-Protokolle und breites NGS (POWER)
Das College of American Pathologists aktualisiert 14 Cancer Protocols, darunter Biomarker-Reporting beim Mammakarzinom und molekulare Testung beim GIST (ASCO Post). Gleichzeitig zeigt die kanadische POWER-Kohorte: Ein großes NGS-Panel statt enger tumorspezifischer Mini-Panels machte knapp 28 % der Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittenen soliden Tumoren neu therapiefähig; 79 % trugen mindestens eine klinisch relevante Variante (Targeted Oncology). Enge Panels verpassen Fusionen, seltene Treiber und tumoragnostische Targets. Ein breiter Befund ohne Zugang zu Studie, Off-Label oder Kostenübernahme ändert die Prognose nicht. Einordnung: Bei metastasierter Erkrankung lohnt umfassendes Profiling früh, idealerweise bevor die Leistungsfähigkeit für Studien sinkt. Der klinische Gewinn hängt am molekularen Tumorboard und an der Therapieverfügbarkeit, nicht am Panel-Marketing. Re-Biopsie oder Liquid Biopsy bei Resistenz ist sinnvoller als dasselbe Mini-Panel zu wiederholen. Pathologie-Updates (HER2-low/ultralow, GIST-Mutationsklassen) ändern, welche Medikamente überhaupt beantragt werden dürfen. Qualität heißt: Variante klassifizieren, Evidenzstufe angeben, nächste konkrete Option nennen.
6. Belzutifan plus Lenvatinib nach Immuntherapie beim ccRCC
Die FDA ließ am 24. September Belzutifan plus Lenvatinib nach PD-1/PD-L1-Therapie beim klarzelligen Nierenzellkarzinom zu, mit Vorteil gegenüber Cabozantinib bei PFS und Ansprechen (FDA). Belzutifan hemmt HIF-2α, Lenvatinib VEGF-Rezeptoren – zwei Hypoxie-Achsen statt einer weiteren TKI-Monotherapie. Typische Lasten sind Anämie, Hypoxie, Fatigue (Belzutifan) plus Hypertonie, Diarrhö, Hand-Fuß (Lenvatinib). Einordnung: Nach IO-Versagen war Cabozantinib lange der Default. Jetzt gibt es eine orale Doppelsequenz mit anderem Mechanismus. Wer schlecht oxygeniert ist, schläft schlecht oder anämisch startet, braucht vor der Kombination eine realistische Nutzen-Risiko-Abwägung. Blutdruck- und TSH-Kontrolle bleiben Pflicht wie bei jedem VEGFR-TKI. Die Kombination ersetzt nicht die Frage nach lokaler Metastasentherapie (SBRT, Metastasenresektion) bei oligoprogressiver Erkrankung. OS-Reife und Sequenz (erst TKI, dann HIF-2α oder parallel) werden den Alltag der nächsten zwei Jahre bestimmen.
7. HARMONi: Ivonescimab plus Chemo nach EGFR-TKI
In HARMONi senkte Ivonescimab plus Chemotherapie das Risiko für Progress oder Tod um 48 % gegenüber alleiniger Chemotherapie bei EGFR-mutiertem NSCLC nach TKI; medianes PFS 6,8 versus 4,4 Monate, bei besserem Ansprechen und handhabbarer Toxizität (The Lancet Oncology). Ivonescimab ist ein bispezifischer Ansatz gegen PD-1 und VEGF. Die Studie beantwortet die Zweitlinie nach Osimertinib-Ära, nicht die Erstlinie. Chemo bleibt im Arm – der Gewinn ist Add-on, nicht Chemo-frei. Blutungs- und Hypertonierisiko der VEGF-Schiene müssen gegen den PFS-Gewinn gerechnet werden. Einordnung: Nach TKI-Resistenz ist Platin-Doublette allein oft enttäuschend kurz. Ein PD-1/VEGF-Bispezifischer plus Chemo ist eine rationale Eskalation, wenn keine zielgerichtete Resistenzmutation (MET, C797S etc.) eine klarere Option bietet. Molekulare Re-Analyse bei Progress bleibt der erste Schritt, nicht automatisch HARMONi-Schema. Wer blutet, hat frische Kavitäten oder Antikoagulation, ist ein schlechter VEGF-Kandidat. Der OS-Nachlauf entscheidet, ob 2,4 Monate extra PFS den Alltag rechtfertigen.
