Warum Testosteron bei Männern mit Krebs niedrig sein kann

Bei Männern mit einer Krebserkrankung können die Testosteronwerte aus verschiedenen Gründen sinken. Das wird medizinisch als Hypogonadismus oder Testosteronmangel bezeichnet. Besonders interessant ist dies beim Pankreaskarzinom, weil viele typische Beschwerden dieser Erkrankung – etwa Fatigue, Schwäche, Gewichtsverlust, Libidoverlust oder depressive Verstimmung – auch zu einem Testosteronmangel passen können.

Eine aktuelle retrospektive Studie von Kazarian et al. untersuchte genau dieses Thema bei Männern mit Pankreastumoren bzw. pankreatischem duktalem Adenokarzinom. Das zentrale Ergebnis: Testosteronmangel scheint bei diesen Patienten häufig zu sein, wird aber im klinischen Alltag nur selten aktiv untersucht.

Testosteronmangel wird selten gemessen

In der Studie wurden zunächst 1.566 männliche Patienten mit einer Pankreasraumforderung in den elektronischen Krankenakten identifiziert. Nur 35 Patienten, also lediglich 2,2 %, hatten überhaupt einen dokumentierten Testosteronwert. Das zeigt: Obwohl viele Patienten Symptome haben, die zu Testosteronmangel passen, wird dieser Laborwert in der Routineversorgung kaum bestimmt.

Die häufigsten Gründe, warum überhaupt Testosteron gemessen wurde, waren:

  • Fatigue: 40 %
  • Libidoverlust oder erektile Dysfunktion: 23 %
  • Kontrolle einer bereits laufenden Testosterontherapie: 11 %

Das ist klinisch relevant, weil Beschwerden wie Müdigkeit, Schwäche, verminderte Leistungsfähigkeit oder sexuelle Dysfunktion bei Krebspatienten oft automatisch der Tumorerkrankung oder Chemotherapie zugeschrieben werden. Ein möglicher Hormonmangel wird dadurch leicht übersehen.

Fast jeder zweite Patient hatte niedrige Testosteronwerte

In einer zweiten Kohorte wurden Serumproben von 89 Männern mit pankreatischem duktalem Adenokarzinom untersucht. Ein niedriger Testosteronwert wurde in dieser Studie als < 300 ng/dl definiert, entsprechend der American Urological Association-Grenze. Das Ergebnis: 44 von 89 Patienten, also 49,4 %, hatten einen niedrigen Testosteronwert. Der mediane Testosteronwert lag bei 301 ng/dl.

Besonders auffällig: Nur 2 von 89 Patienten, also 2,2 %, hatten vor der Studie bereits einen Testosteronwert bestimmt bekommen. Keiner der Patienten hatte laut Akten eine Testosterontherapie erhalten. Das spricht dafür, dass Testosteronmangel bei Männern mit Pankreaskarzinom häufig unentdeckt bleibt.

Symptome sind häufig, aber nicht spezifisch

In der untersuchten PDAC-Kohorte hatten 69,7 % der Patienten dokumentierte Beschwerden, die mit einem Testosteronmangel vereinbar sind. Am häufigsten wurde Fatigue beschrieben. Bei Patienten mit niedrigem Testosteron hatten 77,3 % solche Symptome, bei Patienten mit normalem Testosteron waren es 62,2 %. Dieser Unterschied war statistisch jedoch nicht signifikant.

Das bedeutet: Die Symptome allein reichen nicht aus, um Testosteronmangel sicher zu erkennen. Fatigue, Schwäche und Gewichtsverlust können durch den Tumor, die Therapie, Entzündung, Mangelernährung, Schmerzmittel oder psychische Belastung entstehen. Deshalb braucht es eine strukturierte Labordiagnostik.

Warum kann Testosteron bei Pankreaskarzinom sinken?

Beim Pankreaskarzinom kommen mehrere Mechanismen zusammen:

1. Systemische Entzündung
Pankreaskarzinome gehen häufig mit chronischer Entzündung einher. Entzündungsbotenstoffe können die Hormonachse zwischen Hypothalamus, Hypophyse und Hoden stören und möglicherweise auch direkt die Testosteronproduktion in den Leydig-Zellen beeinträchtigen.

2. Kachexie und Gewichtsverlust
Viele Patienten mit Pankreaskarzinom verlieren Gewicht und Muskelmasse. Diese katabole Stoffwechsellage kann zu einem funktionellen Hypogonadismus führen. Der Körper reduziert dann hormonelle Achsen, die für Reproduktion, Muskelaufbau und Leistungsfähigkeit wichtig sind.

3. Chemotherapie und Strahlentherapie
Onkologische Therapien können die Hodenfunktion oder die zentrale Hormonregulation beeinflussen. Beim Pankreaskarzinom spielen meist systemische Therapien eine große Rolle; Bestrahlung kann je nach Situation zusätzlich relevant sein.

4. Medikamente
Opioide sind bei fortgeschrittenen Tumorerkrankungen häufig notwendig. In der Studie nahmen in der Serumkohorte 28,1 % der Patienten Opioide ein. Opioide können die Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse unterdrücken und dadurch sekundären Hypogonadismus verursachen.

5. Alter und Begleiterkrankungen
Das mediane Alter in der PDAC-Serumkohorte betrug 66 Jahre. Testosteronmangel wird mit zunehmendem Alter häufiger. Zudem hatten viele Patienten relevante Begleiterkrankungen: 42,7 % Diabetes, 70,8 % Herzerkrankungen, 38,2 % Adipositas. Diese Faktoren können den Testosteronhaushalt zusätzlich beeinflussen.

Kein Überlebensvorteil durch niedrige Testosteronwerte

Ein wichtiger Punkt der Studie: Niedrige Testosteronwerte waren nicht mit einem besseren oder schlechteren Überleben assoziiert. In der multivariablen Analyse hatte niedriger Testosteronstatus keinen signifikanten Zusammenhang mit progressionsfreiem Überleben oder Gesamtüberleben. Für das progressionsfreie Überleben lag der p-Wert bei 0,66, für das Gesamtüberleben bei 0,95.

Das ist wichtig, weil es gegen die einfache Annahme spricht, dass niedriges Testosteron beim Pankreaskarzinom automatisch einen onkologischen Vorteil hätte. Gleichzeitig beweist die Studie aber auch nicht, dass Testosteronersatztherapie bei aktivem Pankreaskarzinom sicher oder wirksam ist. Dafür braucht es prospektive Studien.

Könnte Testosterontherapie bei Pankreaskarzinom helfen?

Die Autoren verweisen darauf, dass Testosterontherapie bei hypogonadalen Männern in anderen Kontexten unter anderem Aktivität, Sexualfunktion, Stimmung, depressive Symptome, Anämie, Knochendichte und körperliche Leistungsfähigkeit verbessern kann. Außerdem erwähnen sie kleinere Studien bei fortgeschrittenen Krebspatienten bzw. Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren, in denen Testosteron positive Effekte auf Fatigue, Performance Status, Sexualverlangen, fettfreie Masse, Lebensqualität oder körperliche Aktivität zeigte.

Für Männer mit Pankreaskarzinom bleibt dies aber eine offene Forschungsfrage. Die Autoren formulieren vorsichtig, dass weitere prospektive Studien notwendig sind, um zu prüfen, ob Testosteronsupplementierung die Lebensqualität und das allgemeine Wohlbefinden während der Behandlung verbessern kann.

Wichtige Einschränkungen der Studie

Die Studie ist interessant, aber sie hat klare Limitationen:

Erstens handelt es sich um eine retrospektive Untersuchung an einem einzelnen Zentrum. Zweitens war die Patientenzahl relativ klein. Drittens wurde zur Diagnose eines Testosteronmangels meist nur ein einzelner Testosteronwert verwendet. Leitlinien empfehlen jedoch normalerweise zwei morgendliche Messungen an unterschiedlichen Tagen, idealerweise zusammen mit Symptomen. Viertens konnte die Uhrzeit der Blutabnahme nicht sicher kontrolliert werden. Dadurch könnten manche Werte niedriger ausgefallen sein, als sie bei einer standardisierten morgendlichen Messung gewesen wären.

Die Daten sind also kein Beweis dafür, dass jeder zweite Patient mit Pankreaskarzinom definitiv behandlungsbedürftigen Hypogonadismus hat. Sie zeigen aber sehr deutlich, dass niedrige Testosteronwerte häufig vorkommen und klinisch bisher zu wenig beachtet werden.

Praktische Konsequenz für die Versorgung

Bei männlichen Patienten mit Pankreaskarzinom und Beschwerden wie ausgeprägter Fatigue, Muskelschwäche, Libidoverlust, depressiver Verstimmung, Anämie, Osteoporose oder starker Reduktion der körperlichen Leistungsfähigkeit sollte ein Testosteronmangel differenzialdiagnostisch mitgedacht werden.

Sinnvoll wäre eine strukturierte Abklärung mit:

  • Gesamt-Testosteron morgens
  • SHBG
  • berechnetem freiem Testosteron
  • LH und FSH
  • ggf. Prolaktin
  • Blutbild
  • Entzündungsparameter
  • Leber- und Nierenwerte
  • Ernährungsstatus
  • Medikamentenanalyse, insbesondere Opioide und Glukokortikoide

Erst durch LH und FSH lässt sich besser unterscheiden, ob eher ein primärer Hypogonadismus der Hoden oder ein sekundärer/funktioneller Hypogonadismus durch Krankheit, Medikamente, Entzündung oder Mangelernährung vorliegt.

Fazit

Testosteronmangel ist bei Männern mit Pankreaskarzinom wahrscheinlich deutlich häufiger, als er in der klinischen Routine erkannt wird. In der Studie von Kazarian et al. wurde Testosteron nur bei 2,2 % der Männer mit Pankreasraumforderung überhaupt gemessen, während in der gezielt untersuchten PDAC-Kohorte fast jeder zweite Patient einen Wert unter 300 ng/dl hatte. Gleichzeitig hatten fast 70 % Symptome, die mit Testosteronmangel vereinbar sind.

Die wichtigste Botschaft lautet daher: Bei Männern mit Pankreaskarzinom sollte Testosteronmangel nicht automatisch übersehen oder als „normale Tumor-Fatigue“ abgetan werden. Eine Testosterontherapie ist jedoch keine pauschale Lösung. Sie muss individuell geprüft werden, unter Berücksichtigung von Tumorsituation, Prognose, Symptomen, Laborwerten, Risiken und Therapiezielen.

Gerade im Sinne einer modernen Supportivmedizin könnte die Hormonachse bei männlichen Krebspatienten künftig eine größere Rolle spielen – nicht zur Tumorbehandlung selbst, sondern möglicherweise zur Verbesserung von Lebensqualität, Muskelmasse, Sexualfunktion, Energie und allgemeinem Wohlbefinden.

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