GLP-1-Rezeptoragonisten (und die neueren dualen bzw. triple Agonisten) führen zu Muskel- bzw. fettfreier Masse-Verlust vor allem als Folge eines starken Kaloriendefizits – nicht durch eine direkte muskelabbauende Wirkung der Medikamente. Das Phänomen ist vergleichbar mit jeder anderen schnellen Gewichtsabnahme durch Diät, Sport oder bariatrische Operationen. Typischerweise machen 20–40 % der verlorenen Kilos fettfreie Masse aus (je nach Studie, Messmethode und Lebensstil).Wichtig: Bei DEXA-Messungen wird „Lean Mass“ (fettfreie Masse) gemessen – dazu gehören Muskeln, Organe, Wasser und Bindegewebe. Der prozentuale Anteil der fettfreien Masse am Körpergewicht bleibt oft stabil oder verbessert sich sogar, weil vor allem Fett verloren geht. Viele Studien zeigen zudem, dass Muskelkraft und -funktion bei richtiger Ernährung und Training erhalten bleiben oder sich sogar verbessern können.
Vergleich der wichtigsten GLP-1-Medikamente
Semaglutid (Ozempic, Wegovy)
- Durchschnittlicher Gewichtsverlust: ca. 15–21 %
- Anteil fettfreier Masse am Gewichtsverlust: ca. 39–45 % (z. B. STEP-1-Studie ca. 45 %)
- Starke Gewichtsabnahme → höherer absoluter Muskelverlust, aber relativ gute Körperzusammensetzung.
Tirzepatid (Mounjaro, Zepbound) – GLP-1 + GIP
- Durchschnittlicher Gewichtsverlust: bis zu 22,5 % und mehr
- Anteil fettfreier Masse: nur ca. 24–26 % (SURMOUNT-1: ca. 25,7 %)
- Trotz größerem Gesamtverlust scheint Tirzepatid relativ gesehen besser bei der Erhaltung der fettfreien Masse abzuschneiden – vermutlich durch den GIP-Anteil.
Liraglutid (Saxenda, Victoza)
- Gewichtsverlust: eher moderat (5–8 %)
- Anteil fettfreier Masse: variabel, oft 30–40 %, teilweise sogar niedriger
- Durch die geringere Gewichtsabnahme meist der geringste absolute Verlust an Muskelmasse.
Dulaglutid (Trulicity) und ältere GLP-1-Mittel
- Modester Gewichtsverlust (5–7 %)
- Weniger Daten, aber tendenziell vergleichbar mit Liraglutid – geringere absolute Auswirkungen.
Retatrutid triple Agonist GLP-1/GIP/Glukagon)
- Gewichtsverlust: bis zu 24–28 %
- Anteil fettfreier Masse: ca. 35–38 %
- Der Glukagon-Anteil weckt theoretische Bedenken, bisherige Daten zeigen jedoch keinen überproportionalen Muskelabbau.
Fazit der aktuellen Studienlage (Stand 2026)
Der Unterschied zwischen den Präparaten ist eher gering und hängt vor allem von der Stärke des Gewichtsverlusts ab. Potentere Mittel wie Semaglutid und Tirzepatid führen zu höherem absolutem Verlust an fettfreier Masse, aber oft zu einer besseren relativen Körperzusammensetzung. Eine aktuelle Meta-Analyse zeigt im Median ca. 25–35 % fettfreie Masse am Gesamtverlust – ein Wert, der bei jeder schnellen Diät ähnlich ausfällt.
Was wirklich zählt: So schützen Sie Ihre Muskeln
- Eiweißreich essen: 1,6–2,2 g Protein pro kg Idealgewicht täglich
- Krafttraining: 2–3 Mal pro Woche gezieltes Muskeltraining
- Ausreichend Kalorien & Nährstoffe: Extremdefizite vermeiden
- Besonders wichtig für ältere Menschen und Personen mit niedriger Ausgangsmuskelmasse
Nicht alles, was als „Lean Mass“ gemessen wird, ist Muskel. Ein Teil des Verlusts kommt von Organen (z. B. kleiner werdende, weniger verfettete Leber) und Wassereinlagerungen – das ist oft sogar positiv.
Fazit
GLP-1-Medikamente sind ein enorm wirksames Tool gegen Adipositas und Typ-2-Diabetes. Der mögliche Muskelverlust ist real, aber gut steuerbar. Mit der richtigen Strategie (Protein + Krafttraining) können Sie den Großteil Ihrer Muskeln erhalten und von den vielen Vorteilen der Medikamente profitieren.
Update:
Retatrutide: Die neuesten Daten zum Muskelverlust (Mai 2026). Diese Woche hat Eli Lilly die Topline-Ergebnisse der Phase-3-Studie TRIUMPH-1 veröffentlicht. Retatrutide (bis 12 mg) erzielt damit bis zu 28,3 % Gewichtsverlust nach 80 Wochen – bei manchen Teilnehmern sogar über 30 % nach 104 Wochen. Das ist absolute Spitzenklasse und erreicht fast bariatrisches Operationsniveau.
Was sagen die Daten zum Muskelverlust? Detaillierte DEXA-Ergebnisse zur Körperzusammensetzung wurden in den Topline-Daten noch nicht veröffentlicht (diese folgen meist später). Die bisherigen Erkenntnisse stammen vor allem aus der Phase-2-Studie:
- Retatrutide führt zu einer sehr starken Fettmassereduktion.
- Der Anteil des Lean-Mass-Verlusts am gesamten Gewichtsverlust liegt im üblichen Bereich anderer GLP-1-basierten Medikamente (ca. 25–40 %).
- Trotz des Glucagon-Anteils (der theoretisch muskelabbauend wirken könnte) gibt es keinen überproportionalen Muskelverlust. Die Autoren sprechen von einer guten „Reassurance“ – also Beruhigung – für die Sicherheit bezüglich der Muskelmasse.
Einordnung Genau wie bei Semaglutid und Tirzepatid hängt der absolute Muskelverlust vor allem von der Stärke des Gewichtsverlusts ab. Retatrutide verliert nicht überdurchschnittlich viel fettfreie Masse, sondern zeigt eine sehr gute fett-spezifische Wirkung.
Fazit für die Praxis:
Auch bei Retatrutide gilt weiterhin: Mit ausreichend Eiweiß (1,6–2,2 g pro kg Idealgewicht) und regelmäßigem Krafttraining lässt sich der Muskelverlust sehr gut minimieren.Die vollständigen DEXA-Substudien aus Phase 3 werden im Laufe des Jahres erwartet und dürften das Bild noch weiter abrunden.Retatrutide setzt neue Maßstäbe beim Abnehmen – und die bisherigen Muskel-Daten sprechen nicht dagegen. Ein vielversprechender Kandidat, sobald er verfügbar ist.
