Innere Medizin
1. TAVR bei moderater Aortenstenose mit Risikomerkmalen (NEJM)
Eine randomisierte Studie verglich transfemorale TAVR mit einer Ballon-expandierbaren Klappe versus klinische Überwachung bei Patienten mit moderater Aortenstenose und Risikomerkmalen. Der primäre Endpunkt (Tod oder Herzinsuffizienzereignis nach 2 Jahren) trat bei 16,7 % in der TAVR-Gruppe und bei 23,9 % in der Überwachungsgruppe auf (Risikodifferenz −7,2 Prozentpunkte; 95 % CI −13,1 bis −1,3; p = 0,02 für Überlegenheit). Die Mortalität unterschied sich nicht wesentlich, Herzinsuffizienzereignisse waren jedoch seltener unter TAVR. Verfahrensbedingte Komplikationen waren vergleichbar mit späteren Klappenersätzen in der Kontrollgruppe. NEJM (Généreux et al.). Einordnung: Die Ergebnisse sprechen dafür, dass bei moderater Aortenstenose mit zusätzlichen Risikomerkmalen eine frühzeitige Intervention dem reinen Abwarten überlegen sein kann. In der Praxis könnte dies die Indikationsstellung für TAVR erweitern, insbesondere bei Patienten mit beginnender Symptomatik oder ungünstigen prognostischen Faktoren. Die Selektion bleibt entscheidend; eine sorgfältige Risiko-Nutzen-Abwägung und die Berücksichtigung der Lebenserwartung sind erforderlich. Die Daten tragen zur Diskussion über den optimalen Zeitpunkt der Klappenintervention bei und unterstreichen die Bedeutung einer individualisierten Entscheidungsfindung im Herzteam.
2. Kreatininbasierte eGFR überschätzt Nierenfunktion bei Krebspatienten häufig (Ärzteblatt / ASN Kidney Week)
Auf der ASN Kidney Week 2026 berichteten Forschende aus Brasilien, dass die kreatininbasierte Schätzung der glomerulären Filtrationsrate (eGFR) bei Erwachsenen mit soliden Tumoren die tatsächliche Nierenfunktion häufig überschätzt. In einer Kohorte von 1.200 Patienten wurde die gemessene GFR (mGFR mittels 51Cr-EDTA) mit der eGFR (Kreatinin allein oder Kreatinin + Cystatin C) verglichen. Die Diskrepanz kann zu einer Unterschätzung der Nierenfunktionsstörung und damit zu fehlerhaften Dosierungen oder Therapieentscheidungen führen. Deutsches Ärzteblatt. Einordnung: Die Beobachtung ist klinisch relevant, da viele onkologische Substanzen renal eliminiert werden oder nephrotoxisch sind. In der Praxis sollte bei Krebspatienten – insbesondere bei Grenz-eGFR-Werten oder vor potenziell nephrotoxischen Therapien – die zusätzliche Bestimmung von Cystatin C oder eine direkte GFR-Messung erwogen werden. Dies kann Überdosierungen vermeiden und die Therapiesicherheit erhöhen. Die Daten unterstreichen die Limitationen der rein kreatininbasierten Schätzung in der onkologischen Population.
Onkologie
3. Sacituzumab Tirumotecan plus Pembrolizumab bei PD-L1-negativem fortgeschrittenem NSCLC (NEJM)
In einer Phase-3-Studie erhielten unbehandelte Patienten mit fortgeschrittenem nicht-squamösem NSCLC ohne targetable Alterationen und PD-L1 TPS <1 % entweder Sacituzumab Tirumotecan plus Pembrolizumab oder Chemotherapie plus Pembrolizumab. Das mediane progressionsfreie Überleben betrug 15,0 versus 5,7 Monate (HR 0,49; 95 % CI 0,36–0,65; p < 0,001). Die objektive Ansprechrate war vergleichbar, die Dauer des Ansprechens länger. Das Gesamtüberleben zeigte einen positiven Trend (HR 0,58). Grad-≥3-Nebenwirkungen waren seltener in der ADC-Kombination. NEJM. Einordnung: Die Kombination eines TROP2-ADC mit Immuntherapie verbessert das PFS deutlich bei PD-L1-negativen Tumoren, einer bisher schwer behandelbaren Subgruppe. In der Praxis könnte dies eine neue Erstlinienoption darstellen, sobald die Zulassung und die OS-Daten reifen. Die Verträglichkeit erscheint günstig im Vergleich zur Chemotherapie. Die Ergebnisse unterstreichen das Potenzial von ADCs in Kombination mit Checkpoint-Inhibitoren und erweitern die therapeutischen Möglichkeiten in einer prognostisch ungünstigen Population.
4. Osimertinib plus Savolitinib nach Progression unter EGFR-TKI bei MET-Alteration (NEJM)
Eine Phase-3-Studie randomisierte Patienten mit EGFR-mutiertem NSCLC und MET-Überexpression oder -Amplifikation nach Progression unter Osimertinib zu Osimertinib plus Savolitinib versus Platin-Pemetrexed. Das progressionsfreie Überleben war signifikant länger unter der Kombination (HR 0,55; p < 0,001), ebenso das Gesamtüberleben (HR 0,68; p = 0,01). Häufige Nebenwirkungen waren Ödeme, Anämie und Diarrhö. NEJM. Einordnung: Die zielgerichtete Kombination adressiert eine relevante Resistenzmechanismus nach EGFR-TKI und verbessert sowohl PFS als auch OS. In der Praxis unterstützt dies die MET-Testung bei Progression unter Osimertinib und bietet eine orale Alternative zur Chemotherapie. Die Toxizität ist managbar, erfordert jedoch Monitoring. Die Daten stärken die Strategie der gezielten Resistenzüberwindung im EGFR-mutierten NSCLC und unterstreichen den Wert der sequenziellen molekularen Diagnostik.
5. Sonesitatug Vedotin verdoppelt Gesamtüberleben bei vorbehandelten Magenkarzinomen (Ärzteblatt / ESMO)
Die globale Phase-3-Studie CLARITY-Gastric01 zeigte, dass das Claudin-18.2-gerichtete Antikörper-Wirkstoff-Konjugat Sonesitatug Vedotin bei vorbehandelten Patienten mit fortgeschrittenem Magen-, Ösophagus- oder gastroösophagealem Übergangskarzinom das Gesamtüberleben deutlich verlängerte. In der relevanten Subgruppe mit mindestens zwei Vortherapien verdoppelte sich das mediane OS von etwa 5 auf 10 Monate. Deutsches Ärzteblatt. Einordnung: Claudin-18.2-ADCs etablieren sich als wichtige neue Substanzklasse beim Magenkarzinom. Die Überlebensverlängerung in einer stark vorbehandelten Population ist klinisch bedeutsam. In der Praxis wird die Claudin-18.2-Testung zunehmend relevant werden. Die Ergebnisse stärken die Rolle von ADCs in der gastrointestinalen Onkologie und eröffnen Optionen jenseits der klassischen Chemotherapie.
6. Praktische Einordnung
Aktuelle Studien und Berichte liefern neue Optionen in der Kardiologie, Nephrologie und Onkologie. Einordnung: Bei moderater Aortenstenose mit Risikomerkmalen kann eine frühzeitige TAVR Vorteile bringen. Bei Krebspatienten sollte die Nierenfunktionsabschätzung kritischer betrachtet werden. In der Onkologie erweitern ADC-Immuntherapie-Kombinationen, zielgerichtete Resistenztherapien und neue Claudin-18.2-ADCs die Behandlungsoptionen bei NSCLC und Magenkarzinom. In der Praxis gewinnt die molekulare und laborchemische Subgruppierung weiter an Bedeutung. Die Integration in bestehende Standards hängt von Zulassungen und Langzeitdaten ab.
