Update Kolorektales Karzinom – Woche 39

1. Nachsorge nach Hochrisiko-Adenom: 5 statt 3 Jahre

EPoS II randomisierte 10.799 Patientinnen und Patienten mit Hochrisiko-Adenomen (≥10 mm, high-grade Dysplasie, villös oder 3–10 Adenome) auf erste Kontrollkoloskopie nach 5 versus 3 Jahren. Kumulierte KRK-Inzidenz nach 5 Jahren: 0,77 % versus 0,82 % (Differenz −0,05 Prozentpunkte; obere Grenze des 99,12-%-KI 0,68 — Noninferiorität). Stadium bei Diagnose ähnlich. Fünf KRK-Todesfälle: 3 (0,06 %) versus 2 (0,04 %). Mehr Adenome bei dichterer Kontrolle, fortgeschrittene Adenome +3,5 Prozentpunkte. Primärer 10-Jahres-Endpunkt läuft noch. NEJM 2026;395:1051–1061. Einordnung: Die Leitlinien-3-Jahre-Regel nach Hochrisiko-Polyp ist in dieser Interimsanalyse nicht überlegen. Qualität der Index-Koloskopie zählt mehr als der Kalender. Wer ADR und Vollständigkeit dokumentiert hat, kann Intervalle strecken — das entlastet Kapazität. Serratierte Läsionen und unvollständige Abtragung sind nicht automatisch mitgemeint. Symptome vor dem Intervall bleiben Anlass zur vorgezogenen Spiegelung. Endgültige Sicherheit kommt erst mit 10 Jahren; bis dahin Intervall individualisieren, nicht pauschal auf 5 Jahre umstellen.

2. NordICC nach 13 Jahren: Inzidenz sinkt, Mortalität unsicher

Einmalige Einladung zur Screening-Koloskopie versus keine Einladung, 84.583 Personen (55–64 Jahre) in Norwegen, Polen, Schweden. Nach 13 Jahren KRK-Inzidenz 1,46 % versus 1,80 % (RR 0,81). Distal stärker (RR 0,79) als proximal (RR 0,91). Mortalität im Intention-to-screen nicht signifikant. Number needed to invite ≈294 für ein verhindertes Karzinom. Teilnahme lag weit unter 100 %, deshalb unterschätzt ITT den Nutzen der tatsächlich durchgeführten Koloskopie. ACP / Lancet, DDW-Update: HCPLive. Einordnung: Eine einmalige Koloskopie verhindert Krebs, vor allem links. Fehlende Mortalitätssignifikanz ist kein Argument gegen Screening, sondern gegen niedrige Teilnahmeraten und gegen „einmal und nie wieder“ als Dogma. iFOBT-Programme mit hoher Adhärenz können populationsweit mehr Todesfälle verhindern als eine schlecht angenommene Spiegelung. Wer kommt, braucht eine komplette, qualitativ gute Untersuchung. NordICC widerlegt nicht die deutsche Vorsorgekoloskopie — sie zeigt die Grenzen der Einladungslogik.

3. Screening-Teilnahme und reale Mortalität

Stockholm-Gotland, 379.448 Personen, Einladung zum Stuhlbluttest. Rohe Assoziation: −14 % KRK-Mortalität. Nach Adjustierung Einladung −26 %, tatsächliche Teilnahme −43 % (HCPLive / Karolinska). Einordnung: Der Nutzen sitzt bei denen, die den Test machen, nicht bei der Einladungsliste. Programme müssen Barrieren senken (Versand, Erinnerung, einfache Koloskopie-Brücke bei positivem Test). 43 % ist kein individueller Garant, sondern ein populationsadjustierter Schätzer. Internistisch: den Test in die Chroniker-Sprechstunde legen, nicht nur an den 50. oder 55. Geburtstag koppeln.

4. STELLAR-303: erste IO-Kombi mit OS-Gewinn bei MSS-mCRC

901 vorbehandelte mCRC (Fluoropyrimidin, Oxaliplatin, Irinotecan; RAS-wt zusätzlich anti-EGFR), 121 Zentren. Zanzalintinib plus Atezolizumab versus Regorafenib. Medianes OS 10,9 versus 9,4 Monate (HR 0,80; p=0,0045). Zwei-Jahres-OS etwa 20 % versus 10 %. Vorteil auch bei Lebermetastasen. Häufig: Diarrhö 50 %, Hypertonie 34 %, Fatigue 33 %. NDA angenommen, PDUFA 3. Dezember 2026. Publikation Lancet / ESMO; UCLA-Zusammenfassung: UCLA Health, OncLive. Einordnung: MSS-Darmkrebs galt als IO-resistent. 1,5 Monate medianes OS ist klein, die Verdopplung der 2-Jahres-Quote und der Einschluss von Lebermetastasen sind der eigentliche Punkt. Regorafenib ist ein weicher Comparator. Toxizität der TKI-plus-PD-L1-Kombi ist Alltag: Blutdruck, Durchfall, Appetit. Für Fittere nach drei Chemolinien eine Option statt weiterer Monokinase. Nicht Erstlinie, nicht MSI-H (dort andere IO-Standards).

5. Dostarlimab: Organerhalt beim dMMR-Rektumkarzinom

AZUR-1, einarmig, 154 unbehandelte Stadium-II/III-dMMR/MSI-H-Rektumkarzinome, 9 Zyklen Dostarlimab über 6 Monate. Primärer Endpunkt: anhaltende klinische Komplettremission nach 12 Monaten erreicht; Ziel ist Verzicht auf Chemo, Bestrahlung und OP. Keine neuen Sicherheitssignale. FDA Priority Review, PDUFA Februar 2027, Project Orbis. Targeted Oncology, CancerNetwork. Frühere MSK-Serie: 100 % cCR bei den ersten kompletten Fällen. Einordnung: MMR-Status vor jeder Rektumtherapie ist Pflicht — sonst verpasst man Organerhalt. Watch-and-wait braucht strikte Endoskopie-MRT-Nachsorge, kein „Medikament und fertig“. Fehlende Randomisierung gegen CRT/OP bleibt die regulatorische Schwachstelle. Lokal fortgeschrittenes MSS-Rektumkarzinom ändert sich dadurch nicht. In DE: Off-Label oder Studie, bis EMA nachzieht.

6. HER2-ADC: Trastuzumab-Rezetecan (HORIZON-CRC-01)

Phase 3, chemotherapierefraktäres HER2-positives, RAS/RAF-Wildtyp-CRC versus TAS-102, Fruquintinib oder Regorafenib. PFS per IRC 5,5 versus 2,8 Monate (HR 0,33). ORR 40,7 % versus 4,5 %. OS unreif, HR 0,77. Grad ≥3 ähnlich (49 vs. 50 %); zwei therapieassoziierte Todesfälle (septischer Schock, Myelosuppression). Abstract: JCO 44:3505, Bericht ASCO Post 25. September. Einordnung: HER2 ist selten (~3–5 %), aber testbar und jetzt mit klarem ADC-Signal. RAS/RAF-wt plus HER2-pos ist die Nische — nicht HER2-low ohne Wildtyp. Hämatotoxizität zwingt zu Blutbild-Disziplin. Erst HER2 und RAS bestimmen, dann die Linie wählen; Anti-EGFR und ADC nicht gedankenlos stapeln.

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