Das niederländische Artikel in De Telegraaf von Babette Wieringa zeichnet ein einseitiges, fast hysterisches Bild der „Testosteron-Hype“. Es wird suggeriert, dass Männer, die ihr Testosteron optimieren wollen, lediglich auf eine soziale Medien-Trend reagieren und aus Unsicherheit über ihre „Männlichkeit“ handeln. Experten wie Peter Bos werden zitiert, die den Rückgang der Testosteronwerte als „kul“ (Unsinn) abtun und das Phänomen auf Emanzipation und „Tradwives“ zurückführen. Eine solche Darstellung ignoriert jedoch die umfangreiche wissenschaftliche Evidenz und schadet Männern, die unter echtem Hypogonadismus leiden.
Der angebliche „Mythos“ des Testosteron-Rückgangs
Der Artikel behauptet, es gebe „kein einziges Beweis“ für einen kollektiven Rückgang der Testosteronwerte. Das ist schlicht falsch. Zahlreiche Studien aus den USA, Europa und Israel dokumentieren einen signifikanten, altersunabhängigen säkularen Rückgang der Testosteronspiegel seit Jahrzehnten:
- In großen Kohortenstudien (z. B. Massachusetts Male Aging Study und NHANES-Daten) sank das Testosteron bei gleichaltrigen Männern um etwa 1 % pro Jahr seit den 1980er/1990er Jahren.
- Eine Meta-Analyse mit über einer Million Teilnehmern bestätigte diesen Trend unabhängig von Alter und BMI.
- Besonders betroffen sind jüngere Männer: Zwischen 1999 und 2016 sanken die Werte bei Adoleszenten und jungen Erwachsenen deutlich – auch bei normalem BMI.
Ursachen sind vielfältig und real: Adipositas (starke inverse Korrelation – jeder BMI-Punkt senkt Testosteron um ca. 2 %), Insulinresistenz, Umweltgifte (Endokrine Disruptoren), Infektionen (einschließlich post-viraler Effekte), chronische Erkrankungen und Lebensstilfaktoren.
Der Artikel tut so, als gäbe es nur genetische Unterschiede und natürliche Alterung – das blendet die moderne Realität aus.
TRT bei korrekter Indikation: Hoher Nutzen, nicht „Placebo“
Der Artikel warnt dramatisch vor „kleinen Ballen“, Herzproblemen und Brustbildung und stellt TRT als gefährliche Abkürzung dar. Richtig angewendet bei gut selektierten Patienten – also Männern mit nachgewiesen niedrigen Testosteronwerten und typischen Symptomen (Müdigkeit, Libidoverlust, Erektionsstörungen, Muskelabbau, Stimmungstiefs) – ist TRT eine etablierte, evidenzbasierte Therapie.
Bewiesene Vorteile:
- Deutliche Verbesserung von Libido, sexueller Funktion und Zufriedenheit. academic.oup.com
- Zunahme von Muskelmasse, Reduktion von Fett, bessere Knochendichte.
- Steigerung von Energie, Stimmung und Lebensqualität.
- Bei Adipositas und metabolischem Syndrom oft besonders wirksam, da es einen Teufelskreis durchbrechen kann.
Natürlich birgt jede Hormontherapie Risiken (z. B. Erythrozytose, die aber gut überwacht werden kann). Die pauschale Dämonisierung ignoriert jedoch, dass unkontrollierter Missbrauch durch Bodybuilder etwas anderes ist als medizinisch überwachte TRT bei Hypogonadismus. Der Vergleich mit Anabolika ist irreführend.
Die eigentliche Problematik: Ideologie statt Medizin
Peter Bos reduziert das Thema auf „Männer wollen wieder dominant sein“ und eine Gegenreaktion zur Frauenemanzipation. Das ist billige Soziologie statt Endokrinologie. Viele Männer leiden heute unter echten hormonellen Defiziten – verstärkt durch Übergewicht, Stress und Umwelteinflüsse. Ihnen zu raten, einfach mehr zu sporten und „Wilskracht“ aufzubringen (wie im Artikel mit Humberto Tan und Yoëll Blom idealisiert), ist zynisch, wenn der Hormonhaushalt bereits gestört ist.Ja, Lebensstil ist entscheidend: Sport, Gewichtsreduktion, Schlaf und Ernährung sollten immer die Basis sein. Aber bei klinischem Hypogonadismus reicht das oft nicht aus – genau wie bei anderen Hormonstörungen (z. B. Schilddrüse).
Fazit: Der Artikel schürt unnötige Angst vor einer Therapie, die für richtig diagnostizierte Männer ein Gamechanger sein kann. Statt pauschaler Warnungen vor „Hypes“ und „sozialen Medien“ braucht es eine differenzierte Debatte: Bessere Diagnostik, strenge Indikationsstellung und engmaschige Überwachung. Männer, die unter niedrigem Testosteron leiden, verdienen keine Moralkeule, sondern evidenzbasierte Medizin. Den Rückgang der Testosteronwerte als Mythos abzutun, ist wissenschaftlich unhaltbar und hilft niemandem.
